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KLASSIK

Schwere Möbel: Vladimir Fedoseyev

und das Konzerthausorchester

Erst beim Handkuss für die Stimmführerin der Kontrabassisten merkt man Vladimir Fedoseyev an, dass er Dirigent alter Schule ist. Der vitale 80-Jährige führt ein ausgesuchtes Programm rarer russischer Werke ins Feld – von Tschaikowskys Orchesterfantasie „Francesca da Rimini“ bis hin zu Strawinskys sinfonischer Dichtung „Chant du Rossignol“ (noch einmal heute, Sonntag, 16 Uhr). Die härteste Arbeit ist bei der 1895 entstandenen 5. Sinfonie von Alexander Glasunow zu leisten; schließlich erschien Glasunow schon im letzten Jahrhundert vielen jungen Leuten wie „ein altslawischer Schrank unter anderen Großvatermöbeln.“ Dieses Bild können Fedoseyev und das Konzerthausorchester zurechtrücken. Sie tun es mit dem auffallend warmen, klangfarbenreichen und präzisen Ton (ein Fest: die Holzbläser). Die Wirkung des orgiastischen Finales spürt man bis hoch hinauf in den Rang mit dem ganzen Körper. Carsten Niemann

KLASSIK

Leichtes Spiel: Das Hagen Quartett mit Krystian Zimerman

Wenn vier Musiker sich mit traumwandlerischer Sicherheit verstehen, und das so sehr, dass die Kommunikation zwischen ihnen immer und immer subtiler werden kann, dann steht der Fünfte erst einmal draußen. Das Hagen Quartett – die Geschwister Veronika, Clemens und Lukas, ergänzt durch Rainer Schmidt – musiziert seit 30 Jahren zusammen, und es hat einsame Höhen des homogenen, stets gespannten, suchenden Spiels erreicht. Zu ihrem Auftritt im Rahmen des „Berlin International Music Festival“ im Konzerthaus bitten die Hagens Krystian Zimerman dazu. Der sensible Pianist, dessen Karriere nie dem furiosen Start als 19-Jähriger zu folgen vermochte, ist inzwischen schlohweiß. Starallüren sind ihm fremd, doch scheint er nicht ganz zu ahnen, worauf er sich mit den vier Hagens eingelassen hat.

Beim Programm-Exoten des Abends, dem Klavierquintett der polnischen Komponistin Grazyna Bacewicz mit seinem monochromen Klangflächenversatz, liegt man noch scheinbar nah zusammen. Doch Schumanns Klavierquintett op. 44 lässt dann hören, dass Welten zwischen den Streichern und ihrem Pianisten liegen. Während die Hagens sich jeden Ton mit Leidenschaft erspielen, steht Zimerman auf zarte, aber nicht zu überhörende Weise neben dem Geschehen. An der permanenten Verwandlung hat er nur wenig Anteil. Es kann allerdings auch beinahe mutlos machen, welche Meisterschaft die vier erreicht haben. Mit Janaceks 1. Streichquartett gewähren sie einen vibrierenden, in aller Stille umso provokanteren Einblick. Ulrich Amling

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