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Aus der Tiefe. John Hiatt. Foto: Reuters Foto: REUTERS
Aus der Tiefe. John Hiatt. Foto: ReutersFoto: REUTERS

KLASSIK

Zeremonienmeister: Tugan Sokhiev und das DSO beschließen die Saison

Der Anfang von Brahms’ Doppelkonzert: in Marmor gemeißelt. Unter Tugan Sokhiev wächst dem DSO eine Unerbittlichkeit zu, eine ehern-erlesene Brillanz des Klangs, die jeden Widerstand zwecklos macht. Schon Haydns letzte Sinfonie D-Dur zelebrieren die Musiker als Feier des Diesseits, ein Tanz in makellos gestärkter Wäsche, ein Manifest des positiven Denkens. (Die aparten Rubati im Trio des Menuetts erklingen jedes Mal exakt identisch: Sokhiev verschränkt Disziplin und Sentiment zu eleganten Artefakten.)

Es ist der letzte Auftritt des DSO in dieser Saison in der Philharmonie, das letzte Konzert mit Sokhiev als designiertem Chefdirigenten, bevor der 34-jährige Ossete, Wunschkandidat des Orchesters, sein Amt am 7. September offiziell antritt. Ein Tausendsassa, ein Feuerkopf: Auch an diesem Abend in der Philharmonie kehrt er sein an der russischen Sinfonik gestähltes Temperament hervor – was bei Brahms nur bedingt funktioniert. Es sind die Solisten, die Geigerin Lisa Batiashvili und der Cellist Truls Mork, die eine andere, aufregendere Welt eröffnen. Eine Welt der Zerrissenheit und jener Expressivität, die den Preis der Schönheit kennt, den Kraftakt, den Schmerz, das Ungenügen. (Allein das Vivace-Thema: Mork versieht es mit Widerhaken des Zweifels, Batiashvili steuert Momente der Koketterie bei, bis es sie in den Wahnsinn treibt.) Die Solisten musizieren ins Offene, sie ringen und fragen, Sokhiev setzt Ausrufezeichen. Hier der Hunger nach Ausdrucksintensität, dort der Zeremonienmeister des satten, vollmundigen Klangs. Folgen Elgars Enigma-Variationen, Kulinarik auf höchstem Niveau, Funkeln und Klirren, Action, Rasanz. Transzendenz ist Sokhievs Sache nicht, so bricht er die Expedition seiner beiden DSO-Vorgänger Metzmacher und Nagano kurzerhand ab. Man mag das bedauern, aber den Aplomb seiner Akzente und Apotheosen macht ihm so schnell keiner nach. Christiane Peitz

POP

Seelenspieler: John Hiatt in der Apostel-Paul-Kirche

Mit Fedora-Hütchen, aus der Hose hängendem weißen Hemd zum grauen Knitteranzug und Gibson-Akustik-Gitarre bekennt John Hiatt in der knallvollen Apostel-Paulus-Kirche, seine letzte Beichte habe er vor 55 Jahren abgelegt. Da steht er nun und kann nicht anders, als sich erneut zu bekennen mit fast sechzig: zum Blues, zu Country, Rockabilly, Rock’n’Roll und Soul, zu den Aposteln Muddy Waters, Chuck Berry, Bob Dylan. Mit seinen fabelhaften Songstorys, die er seit gut 40 Jahren schreibt, über das Leben, das ewige Rauf und Runter, die Liebe, die hellen und die dunklen Seiten menschlicher Regungen.

Wobei es nicht einer gewissen Tragik entbehrt, dass Hiatts Plattenverkäufe nie dem blendenden Ruf hinterherkamen, der ihm spätestens seit den Achtzigern rasant vorauseilte, von Kritikern, Fans und all den Musikern, die seine Songs spielten: Dylan, Springsteen, Rosanne Cash, Ry Cooder, Willie Nelson, Willy DeVille und und.

Und jetzt füllt er die Kirche mit einer Magie, wie man sie nur noch selten erlebt. Ein Herz aus Gold pumpt im Thema von „Perfectly Good Guitar“ aus der verzerrten Gretsch des grandiosen Gitarristen Doug Lancio, in dessen wunderbarem Ton gleichzeitig die Seelen von Neil Young, Keith Richards und Jimi Hendrix schwingen. Während Hiatt ins „Promised Land“ Chuck Berrys führt, mit leidenschaftlicher Energie und unglaublich rhythmischem Phrasing. Bass und Schlagzeug rocken lässig, während Hiatt mit Feuer, berauschender Dynamik und schotteriger Soulstimme die Songs vom neuen, exquisiten 20. Album „Dirty Jeans and Mudslide Hymns“ noch bewegender intoniert als auf Platte. Auch die alten Songs „Memphis in the Meantime“ und die Ballade „Have a Little Faith in Me“ kommen mit unglaublich frischer Energie. Überwältigend! H.P. Daniels

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