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PLAKATKUNST

Zum Anschauen: „100 beste Plakate“ im Foyer des Kulturforums

Zackige Raster ziehen sich in grellem Neonblau und Orange über den Hintergrund, abstrakte silbergraue Kleckse scheinen darüber zu zucken. Man kann den wummernden Elektrosound beinahe hören. Wenn ein Grafiker es schafft, Töne auf ein Plakat zu bringen, hat er wohl sein höchstes Ziel erreicht: Das Plakat sprechen, summen, bewegen und brodeln zu lassen. In dem Wust aus Plakaten, mit dem wir täglich konfrontiert werden, ist es allzu leicht, zu vergessen, dass sich hinter all den Werbetafeln und flachen Slogans eine Kunstrichtung verbirgt. Die Staatlichen Museen zu Berlin und der Verein „100 beste Plakate e.V.“ zeigen in der gleichnamigen Ausstellung (Kulturforum Foyer, Matthäikirchplatz, 28.06.-29.07., Di-Fr 10-18h, Do 10-22h, Sa/So 11-18h) in Zusammenarbeit mit der Kunstbibliothek die Arbeiten von Nachwuchskünstlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die den Betrachter daran erinnern, dass das Medium Plakat eine Form der Kunst ist.

„Plakate bewegen“ ist der Titel eines von der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart in Auftrag gegebenen Plakates – und sie tun es tatsächlich. An optische Täuschungen erinnernde Linien verschwimmen und zittern, aus einem angebissenen Eis tropft eine Zunge heraus. Der Nostalgietrend ist groß: Schwarz-Weiß, anachronistisch anmutende Sepiatöne im Stil alter Revueplakate und bunte Pop-Art-Einflüsse ziehen sich quer durch diese 100 besten von 1800 Einsendungen. Sie lassen eintauchen in eine neue Welt der Plakatkunst, die Hoffnung macht, dass das Plakat das digitale Zeitalter überdauert. Annika Brockschmidt

REGGAE

Zum Driften: Jamaikanische Stars

im Haus der Kulturen der Welt

Jamaika hat es nie an großen Musikern gemangelt – im Haus der Kulturen der Welt hat man sich gleich vier davon auf die Bühne geholt, allen voran Ernest Ranglin, der mit den Skatelites, dem jungen Bob Marley, Prince Buster oder Lee Perry gespielt hat. Begleitet wird der 80-jährige Ausnahmegitarrist von Sly Dunbar & Robbie Shakespeare, jenem grandiosen Schlagzeug-Bass-Gespann, das seit 1975 nicht nur unzählige Hits für das jamaikanische Publikum produziert, sondern auch für die Rolling Stones, Bob Dylan oder Serge Gainsbourg das rhythmische Gerüst gestellt hat. Dazu kommt Tyrone Downie, der Bob-Marley-Keyboarder.

Das Konzert gehört zum Anrührendsten und Wunderbarsten, was man zum 50-jährigen Unabhängigkeitsjubiläum von Jamaika vorführen kann. Milde und souverän klappen die „Jamaican Legends“ einen hermetischen Raum zum Wegdriften auf. Ultracool gebrachte Songs mit eindringlichen Melodien und satt bekannten Riddims, darunter viele Studio-One-Klassiker wie „Drum Song“, „Satta Massagana“, „Artie Bella“ oder „No No No“. Aus jedem Stück machen sie eine schlitzohrige Live-Dub-Version, von Sly & Robbie an die Ränder gedrückt mit nach vorn gemixten Tom-Toms und mächtig rollenden Booga-Booga-Bässen. Dazu wechselt Downie vom Flügel zum Keyboardorgelsound. Im Mittelpunkt stehen die improvisatorischen Ausflüge des quicklebendigen Ranglin, der mit lässiger Altmännergröße die afroamerikanischen Wurzeln des Reggae freilegt. Was dieses Konzert so besonders macht: Die Gnade, diesen Jahrhundertmusiker noch einmal erleben zu dürfen, wie er in sich gekehrt den Tönen nachforscht und der inneren Musik den Weg nach draußen öffnet. Nenn es Jazz, Reggae, Calypso-Surf oder karibischer Western – diese Musik swingt ungemein und ist trotzdem die ungehetzteste Musik aller Zeiten. Nach 90 Minuten rufen wir „Zugabe!“, nicht nur, weil diese zauberhafte Supergroup Seelen zum Schwingen bringt, sondern auch, weil noch so vielen Menschen zu sagen bleibt, was ihnen entgeht, wenn sie Ernest Ranglin nicht gesehen haben: Das Original. Volker Lüke

KLASSIK

Zum Abschied:

Patrick Lange in der Philharmonie

Nur zwei Jahre war Patrick Lange Chefdirigent des Orchesters der Komischen Oper, 2010 als Retter in der Not nachgerückt für den glücklosen Carl St. Clair. Aber der Nürnberger mit der preußischen Disziplin erwies sich als Überraschung, „Meistersinger“ oder „Rusalka“ waren Höhepunkte seiner kurzen Ära. Zum Abschied hat sich Lange die Philharmonie gewünscht, und auch hier dirigiert er Bernd Alois Zimmermanns suchende, fiebrige, sich verzehrende Ballettmusik „Kontraste“ mit abgezirkelter Präzision. Es sind kurze Klangskizzen, grotesk fragmentiert – Musik als Farbe, voller Streicherwolken und Töne, die wie Regentropfen im musikalischen Gewebe hängen.

Dann die Abkühlung: Nichts von Zimmermanns derbem Jubel, von seinen Verzweiflungstiefen findet sich wieder im Auftritt von Renaud Capuçon. Der schrubbelt den Solopart in Mendelssohns Violinkonzert mit einer Körpersprache herunter, die wenig Interesse an diesem Werk verrät, das zu den schönsten der romantischen Violinliteratur zählt. Ein Spiel ohne Herzblut, Schweiß und Dringlichkeit, dafür erkaltet in Routine. Lange nimmt die Musiker sehr zurück, lässt in den Orchesterpassagen aber Klangschönheit blühen. Im Finale, Strawinskys „Sacre du printemps“, steht er aufrecht wie ein Feldherr am Pult und überschaut das Panorama dieses archaischen Werks. Auch wenn man den „Sacre“ schon wilder, fanatischer, zähnefletschender gehört hat: ein gelungener Abschied. Als freier Dirigent hat Lange jetzt Engagements in Wien, München und Zürich vor sich. Und hoffentlich auch bald wieder in Berlin. Udo Badelt

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