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KLASSIK

Drama: San Francisco Symphony Youth Orchestra in der Philharmonie

Jugendorchester können eigentlich nichts verkehrt machen. Mögliche Überforderung überspielen sie mit Begeisterung. Auch beim San Francisco Symphony Youth Orchestra ist das so – und wird doch unwichtig angesichts der fulminanten Leistung, die der 1981 gegründete Klangkörper unter Donato Cabrera in der Philharmonie zeigt. Schon beim minimalistisch swingenden „Shaker Loop“ von John Adams zeigt sich eine feine, homogene und doch immer wieder mit individuellen Farben hervortretende Streichergruppe. Synkopisch verschachtelte Rhythmen finden sich auch in den Folklorismen von Griegs Klavierkonzert a-Moll wieder. Solist Lars Vogt demonstriert perfekte Einheit mit dem Orchester, ob in lyrischer Zurückhaltung oder explosiven Steigerungen. Nur seine extreme, mal säuselnde, mal heftig akzentuierende Dynamik katapultiert das Werk ein wenig zu sehr in den Salon zurück. Bei Gustav Mahlers 1. Sinfonie hingegen ist Dramatik im Detail angebracht. Die Vielschichtigkeit der hier anklingenden Welten zeichnet Cabrera schon in den kargen, bei Adams anklingenden Diskantlinien des Beginns, bei den mysteriösen Signalen der Ferntrompeten, der unbeschwerten „Wunderhorn“-Musik und ihren katastrophalen Zusammenbrüchen. Lastend schwer und doch immer durchhörbar der „Trauermarsch“, weltschmerzlich verzweifelt und tröstlich das Finale mit atemberaubenden Sololeistungen. Frenetischer Jubel. Isabel Herzfeld

VARIETE

Charmeoffensive: Die Zwölf Tenöre

im Tipi am Kanzleramt

Oh je, kann das gut gehen? Zwölf Männer drängeln sich auf der kleinen Bühne des Tipi am Kanzleramt, drei Musiker müssen auch noch Platz finden. Aber „The 12 Tenors“ bewegen sich in ausgeklügelter Choreografie, versetzt in zwei Reihen, jeder darf mal nach vorne: Die Gruppe ist der Star. Die Sänger aus England, Irland, Schottland, Australien und Deutschland reiten noch immer auf den Ausläufern der Tenorwelle, die Placido Domingo, José Carreras und Luciano Pavarotti einst bei der Fußball-WM 1990 losgetreten haben. Das Erfolgsrezept ist simpel: Gesungen werden so gut wie keine Opernarien, dafür die Reißer und Klassiker der Schlager- und Popgeschichte, Lennons „Imagine“, Queens „We will rock you“, auch deutsches Repertoire: „Veronika, der Lenz ist da!“. Viel falsch machen kann man da nicht – das Sympathische ist, dass die zwölf Tenöre dennoch jede Nummer individuell ausgestalten, „Volare“ oder „Kalinka“ witzig parodieren, „O sole mio“ als Sängerwettstreit aufführen. Das Tempo ist hoch, der Charmefaktor auch: Jeder Typ Mann ist vertreten, ob Jungspund oder wettergegerbter Hanseat. Alexander Herzog aus Franken weiß, dass seine Körperfülle alle anderen aussticht und stürzt sich mit Leidenschaft in die Rolle des Hofnarren. Die Show (bis 18.8.) lebt von solchen Figuren. Nur beim Versuch, Michael Jackson oder Freddie Mercury zu imitieren, gerät das Konzept an Grenzen. Verblüffend auch, dass auf dem offiziellen Plakat bis auf den „Leading Tenor“ Karl Davies völlig andere Gesichter zu sehen sind als auf der Bühne. Wie viele zwölf Tenöre gibt es eigentlich? Egal, das Publikum johlt und klatscht mit, und Puccinis „Nessun dorma“ und Verdis „Libiamo“ dürfen auch dabei sein – sowieso die Pop-Arien der Operngeschichte. Udo Badelt

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