KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Tomasz Kurianowicz

KLASSIK

Blitz und Donner: Open Air Classics startet am Gendarmenmarkt

Herbert Feuerstein versucht es anfangs noch mit Humor: Bei der Eröffnung des ersten Classic-Open-Air-Konzerts am Gendarmenmarkt vergleicht der Moderator den strömenden Regen mit lachender Sonne. „Wir lassen uns den Abend nicht vermiesen!“ Auch das mit Regencapes ausgestattete Publikum nimmt die Aprilatmosphäre gelassen. Als es blitzt und donnert und Feuerstein den Himmel um „Ruhe!“ bittet, reagieren die Besucher mit unerschütterlichem Gelächter. Der Regen soll der Musik schließlich keinen Abbruch tun. Dementsprechend ist die Anhaltische Philharmonie Dessau bestens aufgelegt, spielt zur Einstimmung Elgars „Pomp and Circumstances“, holt die 12 Tenöre für ein „O sole mio“ auf die Bühne und begleitet die Sopranistin Johanna Winkel beim „Lied an den Mond“ aus „Rusalka“. Best of Classics eben.

Doch der Regen wird stärker und das Publikum nervöser. Schirme werden aufgespannt, die den hinteren Reihen die Sicht versperren, was zu verbalen Auseinandersetzungen führt. Auch Feuerstein wird gebeten, das Moderationstempo anzuziehen und die Pointen zu verkürzen. Es hilft alles nichts. Die Naturgewalten sind stärker. In der Pause muss Dirigent Stefan Diederich aus Sicherheitsgründen das Konzert abbrechen. Dabei wäre das nächste Stück eine echte Trutzburg gegen das schlechter Wetter gewesen: „Unter Donner und Blitz“ von Johann Strauss. Noch bleiben drei Termine (7.-9.7.), an denen sich der Wettergott vielleicht umstimmen lässt. Tomasz Kurianowicz

ROCK

Tequilarausch: The Mars Volta

im Huxleys

Wenn The Mars Volta zu Werke schreiten, können alle anderen ihren Klempnerladen dicht machen. Seit elf Jahren macht die Band aus El Paso eine Musik, der unser dreidimensionales Weltbild herzlich egal ist. Progressive Rock in seiner ausuferndsten und erschlagendsten Form: überquellend barock, mit outgefreakten Soundideen, komplexen Strukturen. Mit ihrem neuen Album „Noctourniquet“ ist die Formation um Gitarrist Omar Rodriguez-Lopez und Sänger Cedric Bixler-Zavala weiter auf der Suche nach dem ultimativ nervösen, aufgeriebenen Muster, das fast alles fallen lässt, was nach Zusammenhalt riecht.

Auch beim Konzert im Huxleys schrauben sich die fünf Marsianer durch schwierigste Tempi-, Stil- und Haltungswechsel. In eine Welt der Unberechenbarkeiten. Unerforschte Gefilde der Hysterie und Hypermotorik. Mit der irgendwie verblüffenden Demonstration, dass man als Band auch zusammen spielen kann, ohne den geistig weit entfernten Gitarristen in seinem vollmondgesteuerten Gniedelwahn zu bremsen. Diese unfassbare Gitarre, die klingt, als hätte sich „Ober-Volta“ Rodriguez-Lopez in Santana, Hendrix und Zappa aufgespalten, während sich Bixler-Zavala nicht zwischen Marc Bolan und Robert Plant entscheiden kann, wenn er seine Stimmbänder vom Flüsterton zum kreischenden Falsetto streckt und dabei in mikroschleudernder Rockstarpose über die Bretter zappelt. Dazu fiept Omars Bruder Marcel am Synthesizer und der neue Schlagzeuger Deantoni Parks verursacht mit dem Bassisten Juan Alderete stechende Herzrhythmusschwankungen, bis nach 100 Minuten auch die Abgebrühtesten in den Wellen des kosmischen Alien-Lärm-Gewitters ermatten. Manchmal klingt es tatsächlich so, als hätten sich die Red Hot Chili Peppers nach Mexiko verirrt und im Tequilarausch dazu entschlossen, das Frühwerk von King Crimson nachzuspielen. Oder war es Pink Floyd? Volker Lüke

OPERETTE

Chinakracher in der Neuköllner Oper: „Aufstand der Glückskekse“

War Offenbach visionärer, als wir dachten? In seiner ganz frühen, heute weitgehend vergessenen Operette „Ba-ta-clan“ (1855), einem schlanken 60-Minüter, sind der Kaiser von China und seine engsten Vertrauten eigentlich Franzosen, was sie aber gegenseitig nicht wissen. Verdingen sich hier Leiharbeiter in einem fremden Land, weil es zu Hause keine Jobs mehr gibt? Europa am Boden, China als Wirtschaftsriese? Klingt vertraut. Offenbach meinte das zwar als Parodie auf die Zustände im Dritten Kaiserreich und auf Meyerbeers Oper „Die Hugenotten“, aber Autor Kriss Rudolph liest in „Ba-ta-clan“ auch eine vergnügliche Parodie auf die Gegenwart. Zuletzt hat er an der Neuköllner Oper „Pariser Leben“ mit Haudraufhumor, aber witzig in „Berliner Leben“ umgearbeitet, jetzt ist er sichtlich auf den Geschmack gekommen und schiebt mit „Aufstand der Glückskekse“ gleich seine nächste Operettenbearbeitung nach.

Statt Franzosen schuften jetzt deutsche Gastarbeiter in einer Glückskekse-Fabrik (Regie: Gustav Rueb). Andrew Hannan hat Offenbachs Partitur für zweimanualige Orgel arrangiert, Nikolas Heiber ist der Arbeiter Ma, Alexandra Schmidt singt die Arbeiterin Li mit leuchtend weißem, Nini Stadlmann die Fabrikleiterin Ai mit flammend rötlichem Sopran. Dejan Brkic bringt als Vorarbeiter Hung – eine Figur, die sich an Mozarts Osmin orientiert – einen tollen schwarzgalligen Bass mit. Rudolphs neuer Text scheint zunächst arg im rassistischen Fahrwasser zu navigieren, die Sänger singen mit dümmlichen „Hatschi“-Silben und können kein „r“ sprechen. Später wird klar, dass Rudolph hauptsächlich deutsche Klischees über China ausstellt – und der bayrische Schuhplattler wird nebenbei gleich miterledigt. Zudem ist sein Text erfrischend kalauerangstfrei („Woher genau? – Oberammergau!“). Nix dagegen – die Operette als aussterbende Kunstform hat nur dann eine Chance, wenn sich eine neue Generation mit Leidenschaft und eigenem Blick für sie einsetzt (wieder am 12.-15., 19.-22., 26.-29. Juli). Udo Badelt

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