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Heimathafen Neukölln: CocoRosie blasen zur Ethno-Jagd

Egal, wie oft man sie erlebt, man wird nicht schlau aus CocoRosie. Kein Wunder bei einer Band, deren Alleinstellungsmerkmal das Unerwartbare eines Freak-Folk-Hip-Hop-Bastards ist. Und da heute die halbe Popwelt skurril ist, müssen sich die Schwestern Bianca und Sierra Casady einiges einfallen lassen, um Königinnen des Abseitigen zu bleiben. So haben sie beim ersten von drei Konzerten im Heimathafen Neukölln (noch einmal heute, 21.30 Uhr) nicht nur zwei Multiinstrumentalisten an Piano, Sampler, Bass und gestopfter Trompete sowie den Beatboxer Tez dabei, der mit Schnappatmung das Tempo vorgibt. Sondern auch ein fünfköpfiges Musikerkollektiv namens Rajasthan Roots, das mit Schlangenbeschwörerflöten, Khurtal-Kastagnetten oder laubgesägten Minigitarren für exotische Klangfarben sorgt.

Ob diese Vermählung getrennter Traditionen ein Gewinn ist? Seltsamerweise wirken die Songs der Schwestern eher gleichförmiger. Sierras kristalliner Ariengesang ist körperloser denn je, während Biancas spröde Raps klingen, als würde man alte Schelllackplatten abspielen, auf denen Billie Holiday mit Nasenklammer nuschelt. Meist beginnen die Stücke als zerbrechliche Soundscapes, bis die Inder und der Beatboxer einsteigen und zur wilden Ethno-Jagd blasen. Die Clubtauglichkeit wird durchaus bejubelt. Doch die irrlichternde Poesie ist CocoRosie im globalen Mash-up abhandengekommen. Sie blitzt in der Zugabe „Beautiful Boyz“ auf, als Sierra ihre Schwester zur tänzerischen Zwiesprache nötigt. Ein kurzer Blick hinter den Spiegel. Gern hätte man mehr davon gesehen. Jörg Wunder

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