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KLASSIK

Hitzig: die erste Sommer–Matinee

im Musikinstrumentenmuseum

Wie kann sich ein junger Interpret im heutigen Klassik-Geschäft nicht nur aus der Masse der begabten Kollegen hervorheben, sondern auch der Konkurrenz der ständig medial verfügbaren „großen Alten“ standhalten? Der Cellist Norbert Anger und sein Klavierpartner Nicolai Gerassimez scheinen ihr Profil in besonderer Intensität zu suchen. Doch im Eröffnungskonzert der Sommermatineen der Schierse-Stiftung im Musikinstrumenten-Museum führt das eher zur Vergröberung. Dabei fehlt es den beiden jungen Künstlern keineswegs an Talent. Technisch sind sie, als vielfache Wettbewerbsgewinner, ohnehin unschlagbar. Vor allem der 25-jährige Cellist nimmt durch ein breites klangliches und dynamisches Spektrum für sich ein.

Doch wie wird dieses Potenzial eingesetzt? Warum etwa erklingt Schumanns „Adagio und Allegro“ op. 70 so inkonsistent, mit so bedeutungsschwangeren Verzögerungen und sentimental verhauchenden Pianissimi, dass sich „Romantik“ hier mit überzogener Gefühligkeit gleichsetzen lässt? Ebenso führt in Debussys Sonate eine Anekdote auf die falsche Fährte: Statt sich von der Vorstellung eines verliebt herumtapsenden Pierrots zu rhythmischen Verzerrungen verleiten zu lassen, hätte man sich auf die traditionelle Spurensuche des Stücks konzentrieren sollen. Mag in Beethovens Variationen „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ noch manches überscharfe Stakkato als skurriler Humor durchgehen, wimmelt dessen g-Moll-Sonate von haarsträubenden Übertreibungen. Und „Le Grand Tango“ von Astor Piazzolla wird vor allem vom Pianisten so hart überzeichnet, dass das Cello nur noch mit äußerstem Druck agieren kann – auf Kosten einer inneren, von echter Leidenschaft getragenen Spannung (weitere Konzerte bis 12. 8., immer sonntags, 11 Uhr). Isabel Herzfeld

FOTOGRAFIE

Hurtig: Frank Silberbachs Panoramen im Rathaus Tempelhof

Nebel hängt über der Warschauer Straße. Eine Krähe zerpickt eine Papierserviette. Passanten hasten zur S-Bahn. In den Panoramafotos von Frank Silberbach mag jeder sein eigenes Berlin erkennen. Lange Zeit hat Silberbach das Gesicht der Stadt für die Berliner Zeitung porträtiert, nun sind seine Bilder in der kommunalen Galerie im Rathaus Tempelhof-Schöneberg zu sehen (bis 20.7. Tempelhofer Damm 165, Mo–Fr 9–18 Uhr). Für die breiten Straßen verwendet der Fotograf eine Schwinglinsenkamera, in der sich das Objektiv während der Belichtung weiterdreht. So verbinden die Bilder verblüffende, auch sprachlich inspirierende Elemente: Vor einem Bestattungsinstitut etwa schläft eine Schnapsleiche ihren Rausch aus. Oder: In Karlshorst beobachtet ein specknackiger Rennbahnbesucher drei feingliedrige Windspiele.

Frank Silberbach, 1958 in Zeitz geboren, verließ die DDR mit 26 Jahren und bereiste die Welt. In China entstanden die ersten Panoramafotos, damals noch analog zusammengesetzt. Eine zweite Ausstellung im Tempelhof-Museum zeigt diese frühen Bilder (Alt-Mariendorf 43, Mo + Mi 10 –16 Uhr, Di + Do 15 –18 Uhr, So 11–15 Uhr). Mit seinem Vorbild Heinrich Zille teilt Silberbach das Interesse für die robusten Ureinwohner der Stadt und ihre Vergnügungen – die Rennbahn, das Strandbad, die Gartenlaube. Am schönsten aber sind die Momente, in denen Berlin einmal Atem holt. Im strömenden Regen steht ein Mann allein an der Friedrichstraße und breitet die Arme aus – glückselig. Simone Reber

PLAKATKUNST

Heftig: 100 Nachwuchskünstler

stellen am Kulturforum aus

Zackige Raster ziehen sich in grellem Neonblau und Orange über den Hintergrund, abstrakte silbergraue Kleckse scheinen darüber zu zucken. Man kann den wummernden Elektrosound beinahe hören. Wenn ein Grafiker es schafft, Töne auf ein Plakat zu bringen, hat er wohl sein höchstes Ziel erreicht: Das Plakat sprechen, summen, bewegen und brodeln zu lassen. In der Masse an Plakaten, mit denen der zeitgenössische Städtebewohner täglich konfrontiert wird, vergisst man allzu leicht, dass sich hinter all den Werbetafeln und oft flachen Slogans ein künstlerisches Wollen verbirgt. Die Staatlichen Museen zu Berlin und der Verein „100 beste Plakate“ zeigen in der gleichnamigen Ausstellung (Kulturforum, Foyer, Matthäikirchplatz, bis 29. Juli, Di–Fr 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr) in Zusammenarbeit mit der Kunstbibliothek die Arbeiten junger Nachwuchskünstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie sollen den Betrachter daran gemahnen, dass das Medium Plakat eine Form der Kunst ist.

„Plakate bewegen“heißt ein von der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart in Auftrag gegebenes Plakat – und das tun sie hier buchstäblich. An optische Täuschungen erinnernde Linien verschwimmen und zittern, aus einem angebissenen Neon-Magnum tropft eine Zunge heraus. Auffallend auch die vielen nostalgischen Motive und Techniken: Schwarz-Weiß, Sepiatöne im Stil der Revueplakate aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts, außerdem ziehen sich bunte Pop-Art-Einflüsse quer durch diese hundert besten von 1800 Einsendungen. Sie lassen den Zuschauer eintauchen in eine Randwelt der Künste und nähren die Hoffnung, dass das Plakat das digitale Zeitalter überdauert. Annika Brockschmidt

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