KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

COUNTRY

Seelenschau: Alison Krauss

in der Apostel-Paulus-Kirche

Die schönste Erklärung, was Country- Musik sei, hatte der amerikanische Songwriter Harlan Howard: „Drei Akkorde und die Wahrheit“. Gelegentlich sind es ein oder zwei Akkorde mehr, die Alison Krauss & Union Station in ihre feine Mischung aus Country, Bluegrass und Folk schmuggeln. Wahrhaftig jedoch klingen sie in jedem Ton ihrer anrührend bittersüßen Songs. Über die Härten und Freuden im Leben einfacher Menschen. Über Katastrophen und Hoffnungen, Liebe und Verluste, Leben und Tod, Werden und Vergehen. Wahrheiten über die entscheidenden Dinge.

Wer Alison Krauss nur von ihren 14 Alben kennt, kennt nur die halbe Wahrheit. Denn mindestens doppelt so gut ist die 40-jährige Sängerin und Violinistin mit ihrer exquisiten, schlagzeuglosen Akustikband im Konzert. Nicht so dick geschminkt und aufgedonnert wie auf manchen Studioproduktionen, findet die 27-fache Grammy-Gewinnerin auch an diesem speziellen Abend viel Raum und Resonanz in der ausverkauften Apostel- Paulus-Kirche zur Entfaltung ihrer Seele, ihrer glänzenden Sopranstimme und ihres virtuos gefühlvollen Geigenspiels. Exquisit begleitet wird sie mit überwältigend lässiger Präzision von ihren Weggefährten Union Station. Barry Bales am fundamentalen Kontrabass, Ron Block mit plickerndem Banjo und strummender Gitarre. Dan Tyminski mit rasantem Flatpicking und bewegendem Gesang. Jerry Douglas berauscht mit packenden Dobro-Passagen und einem faszinierenden Instrumentalsolo, in dem er höchst elegant Paul Simons „American Tune“ mit Chick Coreas „Spain“ verwebt. Am Ende versammeln sich alle noch einmal in alter Bluegrass-Manier um ein einziges Mikrofon: perfekte Harmonie. Beglückte Menschen. Tosender Jubel. H.P. Daniels

ALTERTUM

Sinnsuche: eine Schau zum Wissen

in der Antike im Pergamonmuseum

Die Ausstellung „Jenseits des Horizonts“ im Pergamonmuseum offenbart dem Besucher das Denken der Antike: In 15 Abschnitten präsentieren Altertumswissenschaftler des Exzellenzclusters „Topoi“ ihre Ergebnisse aus fünf Jahren Forschung an der Freien Universität Berlin (Pergamonmuseum, bis 30. September, Fr-Mi 10-18, Do 10-21 Uhr). Durch historische Fundstücke und detailreiche Texte erfährt der Besucher, wie sich die Wissensgeschichte in der Alten Welt entwickelt hat. Man erlebt, wie Mathematik mit dem Zählen von Schafen begann, wie in Mesopotamien die Schrift als dringend benötigtes Speichermedium entstand und welche Bedeutung Räume in der Architektur der alten Römer sowie in den Heldenerzählungen der Griechen hatten.

Die kongenial kuratierte Ausstellung verschafft einen Überblick über die Innovationsgeschichte des Altertums. Auch erste Formen der Medizin werden gezeigt und anhand von ausgegrabenen Werkzeugen erklärt. Nebenbei hat man die Erkenntnis, dass an dem Begriff „anthropologische Konstante“ etwas dran ist. Der Mensch war schon immer Mensch – ob heute oder vor 2000 Jahren. Schon damals gab es Helden und Scharlatane, Glückliche und Depressive, die sich auf wilde Abenteuer oder melancholische Sinnsuche begaben. Letzteren Typus kann man beim Lesen eines Pergamon- Schriftstücks kennenlernen, auf dem sich ein suizidaler Autor von der Schönheit der Welt zu überzeugen versucht. An anderer Stelle stößt man auf ein Tonstück, auf dem ein Schreiber aus Babylon Gnade für seine entlaufenen Diener erfleht. Solche kleinen, intimen und rührenden Entdeckungen macht man in der Ausstellung immer wieder. Dadurch erscheint die Antike gegenwärtig und nah. Tomasz Kurianowicz

0 Kommentare

Neuester Kommentar