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Volker Lüke

PUNKROCK

Schockblond und wild: Billy Idol

in der Zitadelle Spandau

Da steht er: Billy „Fucking“ Idol! Der wilde Punkrocker, der so schmusig sein kann. Keine Frisur ist heute outer als seine. Nach herben Rückschlägen Anfang der Neunziger, einem beinahe tödlichen Motorradunfall und Drogenexzessen tritt der schockblonde Rebell in der Zitadelle noch mal drauf, dass es daddelt. Zwei Stunden lang liefert der 56-Jährige atemlose Disco-Rock-Action – eine Zeitreise, bei der den Leuten nur ein Wort bleibt: „Geil!“. Wie sonst soll man auch jene Gabe nennen, die den Besucher nach dem donnernden Finale benommen zum Ausgang taumeln lässt, bevor ihm am Bratwurststand klar wird, dass „Dancing With Myself“ erst das zweite Stück war? Idol präsentiert sich in Topform, während Kumpel Steve Stevens an der Gitarre vor allem von Haarspray und Nagellack zusammengehalten wird.

Kalkuliert geht es durch die Historie, darunter die Klopper, die sich tief im Körper der Fangemeinde eingelagert haben: „Eyes Without A Face“, „Flesh For Fantasy“, „White Wedding“ – ein leicht übererregtes Soundgeknusper, in dem auch Songs von Idols alter Punkband Generation X auftauchen. „L. A. Woman“ von den Doors wird als „Berlin Woman“ geschmettert. Die Freude steigt noch, wenn Idol bei „Rebel Yell“ endgültig den Oberkörper blank zieht und mit einem breiten Grinsen große Töne spuckt, während ein heller Lichtstrahl genau dort die einsetzende Dunkelheit zerreißt, wo man sein mächtiges Gemächt vermutet. Geil! Nicht nur beim weiblichem Teil im Publikum brechen unterdrückte Liebesbedürfnisse in wilde Schunkeleien aus. Idol feiert sich als wilder Bursche, aber das grundanständig. Gepriesen sei sein mäßigender Einfluss auf Typen wie Ben Becker oder Stefan Effenberg.Volker Lüke

KLASSIK

Schön und vergänglich: Orchester und Chor der Humboldt-Universität

Semesterabschlusskonzerte sind oft große Partys, die bereits dann als gelungen gelten, wenn die Kommilitonen populäre Werke wiedererkennen. Humboldts Philharmonischem Chor und Humboldts Studentischer Philharmonie genügt das nicht. Für den Abschluss der Saison in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche haben sie sich ein ausgedehntes spätromantisches Programm ausgesucht, das unter dem Titel „Blühet ewig“ das Spannungsverhältnis von Schönheit, Natur und Vergänglichkeit erkundet. Das ist ziemlich gefährlich, denn Verse wie „Es rauscht ein voller Harfenton, den Lieb’ und Sehnsucht schwellen“ (aus Brahms’ Gesängen für Frauenchor, Hörner und Harfe op. 17) oder „Auch ein Klaglied zu sein im Munde der Geliebten ist herrlich (aus Nänie op. 82 vom gleichen Komponisten) wollen klingend eingelöst werden. Doch Alexander Lebek, dem stellvertretenden Leiter des Chores und besonnenen Dirigenten des ersten Abends, gelingt genau dies. Mag der erfreulich aufmerksame Chor dem Orchester auch intonationsmäßig eine Nasenlänge voraus sein, so können beide Ensembles doch jenes entscheidende Maß an klanglicher Reinheit und technischer Genauigkeit herstellen, das die erstrebten weitergehenden Reflexionen der Hörer über die Natur idealer Schönheit tatsächlich trägt. Und wo es dem Abend auf die Länge noch an Kontrastschärfe oder mutigerer Textausdeutung fehlen würde, da ist die Alt-Solistin Bettina Gfeller mit feinsilbrig glänzendem Timbre und intelligenter Gestaltung ausgleichend und ergänzend zur Stelle. Langer ernsthafter Applaus, ohne Gejohle, aber mit anerkennendem Kopfnicken der Kenner. Carsten Niemann

KUNST

Spielerisch und sperrig: 

Andreas Slominski in Potsdam

Stein auf Stein gebaut, so stehen Mauern für Jahrhunderte. Unverrückbar. Stimmt nicht, mit Mauern kann man jonglieren, spielen, experimentieren. Das beweist die heitere Gartenausstellung „Walls“ von Andreas Slominski in der Villa Schöningen (Berliner Straße 86 in Potsdam, bis 1.10., Di–Fr 11–18 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr). Von hier sind es nur ein paar Schritte zur Glienicker Brücke: Eine ehemalige Grenze, die auch nach dem Fall der Mauer zäh weiterlebt.

Slominski führt mögliche Variationen vor Augen. Er hat den Prototyp der Mauer, eine plumpe, graue Wand, mitten auf eine Grünfläche gesetzt. Ein Hindernis, ein Ärgernis. Elegant dagegen die Mauer, die von oben nach unten gebaut ist. Sie erlaubt Durchblicke in den Garten. An starken Fäden hängen weiße Steine wie Gewichte an einem Webrahmen. Vor dem Café hat Slominski eine Backsteinmauer in einem Metallrahmen von unten nach oben errichtet und dann auf den Kopf gekippt. Einen Pfeiler lässt er nach dem Prinzip des Archimedes in die Luft gehen, als sei er aus Styropor. Trotz der sperrigen Schutzgerüste fügen sich die fünf Bauwerke organisch in den prächtigen Sommergarten. Früher hat Slominski Fallen für Vögel oder Wild gebaut, jetzt wendet er sich Menschenfallen zu und eröffnet Auswege aus den Grenzen des Horizontes. Seine lapidare Versuchsanordnung ist der Beweis, dass auch Mauern flexibel sind. Man muss nur mit ihnen spielen. Simone Reber

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