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KLASSIK

Düstere Töne: Ian Bostridge und Julius Drake im Schillertheater

Ein Konzert wie ein einziges großes Crescendo, wie eine über 90 Minuten anschwellende Klage. Fast alle Stücke handeln vom Sterben an diesem Donnerstag im Schillertheater, begonnen bei Johann Sebastian Bachs Ruf „Komm, süßer Tod!“ über Haydns Kanzonette vom Mädchen, das an verschwiegener Liebe zugrunde geht, bis hin zu den Anti-Kriegs-Liedern von Kurt Weill und Benjamin Britten.

Sehr ernste Stücke haben der britische Tenor Ian Bostridge und der ihm in symbiotischer Künstlerfreundschaft verbundene Pianist Julius Drake ausgewählt – und doch fühlt man sich am Ende des düsteren Abends ungemein angeregt, wach, geradezu geistig erfrischt. Was daran liegt, dass Bostridge ein singender Rhetoriker ist, einer, der sein Publikum nicht durch die Fülle des Wohllauts gewinnt, sondern durch seine interpretatorische Eloquenz. Der für jeden historischen Kompositionsstil seinen eigenen, treffenden Ton findet, der ganz ohne Pathos, ohne theatralisches Chargieren maximal ausdrucksstark zu sein vermag.

Für Bach hat er feinste Pianoschattierungen, bei Haydn kann er knorrig-komisch sein. Bei Weill wird er zum Moritatensänger, der sich den sozialkritischen Scharfsinn nie von den süßen Broadwayharmonien der Begleitung vernebeln lässt. Brittens Kindertotenlieder schließlich berühren unmittelbar, weil Bostridge sie so schlicht, so mitmenschlich singt. Als Epitaph steht eine Purcell-Weise am Anfang und Ende des Abends: „Music for a while shall all your cares beguile“ – möge die Musik einen Moment lang all deine Sorgen vertreiben. Frederik Hanssen

MUSIKTHEATER

Perfekte Wellen: Die Anti-Oper

„Neither“ im Radialsystem

Wie klingt eine Oper, die von zwei Menschen geschrieben wurde, die eigentlich keine Opern schreiben wollen? Sie klingt so wie „Neither“, eine Kollaboration von Morton Feldman und Samuel Beckett aus dem Jahr 1977, die als 3-D-Audio-Oper für virtuelles Orchester und Sopran soeben im Radialsystem späte Berlinpremiere feierte, inszeniert im Rahmen des „The Art Of Listening“-Festivals vom Künstlerkollektiv phase7 (noch einmal Sonntag, 20 Uhr). Zwei mal zwei Meter misst die Bühne, auf der die norwegische Sopranistin Eir Inderhaug als einzige reale Musikerin und Darstellerin der Oper „Neither“ wie auf dem Präsentierteller in einem leuchtenden Neon-Strahlen- Käfig steht.

Nicht zu Unrecht wird „Neither“ auch als Anti-Oper bezeichnet. Es sollte Morton Feldmans (1926–1987) einzige Oper bleiben, denn der Avantgarde-Komponist und Beckett waren sich einig, Opern nicht besonders zu mögen – und überhaupt vertonte Texte. Tatsächlich hatte Feldman bereits einige Gesangsstücke komponiert, allerdings ohne Worte. Nach einem Gespräch mit Feldman 1976 in Berlin schickte Beckett dem Komponisten eine Postkarte, auf deren Rückseite das Libretto von „Neither“ stand: Keine Handlung, nur ein sprechendes Ich. Und tatsächlich: Im Radialsystem sind vor allem Wellen-Akkorde zu hören, digital eingespielt über 72 Lautsprecher, die jede Verortung des Klangursprungs verhindern. Das Libretto ist kaum zu verstehen, die Worte werden in langgezogene Vokale aufgelöst. Eine gewisse Verzweiflung ist spürbar, bleibt aber ohne Sinn. Derlei will nicht verstanden werden, aber immerhin erfahren sein.Erik Wenk

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