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Paris, 1981. Selbstporträt mit Ehefrau und Vogue-Model. Foto: ©Helmut Newton Estate
Paris, 1981. Selbstporträt mit Ehefrau und Vogue-Model. Foto: ©Helmut Newton Estate

JAZZ

Unter Wikingern: Neneh Cherry beim „A l’arme“-Festival im Radialsystem

Raunen, röhren, krächzen, grunzen – das lässt sich meist nur ein Publikum Neuer Musik gefallen. Nicht jede Jazz-Trompete muss nach dem großen Miles klingen, heißt die Voraussetzung, um die Performance von Peter Evans beim „A l’arme!“-Festival zu begreifen: Ein Meisterstück der Meta-Trompete, die sonore, reminiszente Jazz-Klänge nur hinter vorgehaltener Hand hervorbringt und sich im direkten Umgang als frustrierendes Klanghindernis erweist. Was zunächst als Nebenprodukt von clowneskem Einfallsreichtum erscheint, erreicht bald höchsten musikalischen Faszinationswert.

Auch Neneh Cherry ist nicht mehr die Sängerin der gefälligen Sommerhits, sondern ein Garant für ein Image-Makeover. In diesem Fall aber auch für stilistische Unentschiedenheit. Wer mit dem Saxofonisten Mats Gustafsson auftritt, überlege sich dies zweimal. Einmal die Töne aus dem Käfig gelassen, verschluckt sein wild-wikingisches Charisma nahezu alles um ihn herum. Im Radialsystem zu einer Begleitfunktion gebändigt, bestürzt diese Verschwendung musikalischen Talents geradezu. Sensationell die Erstbegegnung des Festivalleiters und Pianisten Louis Rastig mit dem Saxofonisten Ken Vandermark und der Cellistin Okkyung Lee, die durch fantastisches Gespür füreinander bei aller Gegensätzlichkeit sofort zu einem integralen Klang fanden. Barbara Eckle

FOTOKUNST

Unter Frauen: „Big Nudes“

in der Helmut Newton Stiftung

Auf der Fassade des Postfuhramts wirbt ein riesiges Schamdreieck für die Larry- Clark-Ausstellung. Schockierend? Nicht für die Berliner. Ebenso unaufgeregt werden die nackten Frauen in der Helmut Newton Stiftung betrachtet. Die Ausstellung „White Women / Sleepless Nights / Big Nudes“ hatte 2011 in Houston ihre Premiere. Auf Amerika-Tournee wurden sie aber nicht geschickt, offenbar überschreiten Newtons Fotografien dort die Grenze des Zumutbaren (Jebensstr. 2, bis 18. 11., Di - So 10 - 18, Do 10 - 22 Uhr).

Die Fotos sind Newtons ersten drei Bildbänden aus den Jahren 1976, 1978 und 1981 entnommen. Vor hellgrau, blaugrau und mauve gestrichenen Wänden wirken die Balanceakte zwischen Mode und Nacktheit besonders glamourös. Der 2004 verstorbene Fotograf liebte es, mit seinen Bildern Geschichten zu skizzieren. Manchmal gemahnen sie an Hitchcock. In „Green Room Murder“ (1975) hockt eine Blondine auf einem Mann und erstickt ihn mit einem Kissen. Neben vielen Klassikern fesseln die verstreuten Promi-Fotos mit ungewohnten Ansichten von Charlotte Rampling, Paloma Picasso oder Karl Lagerfeld. In einem Extrakabinett richtet die Fotoserie von Jan de Wit das Augenmerk auf Newton selbst. Die beiden unternahmen 1999 eine Reise durch Brandenburg und an die Ostsee, an Orte seiner Kindheit. Auch privat hatte Newton seine Kamera immer dabei. Jens Hinrichsen

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