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KUNST

Manipulativ: Daniela Comani in der Galerie After the Butcher

Früher war eine Fleischerei drin. Jetzt sieht es so aus, als sei aus dem Ausstellungsraum „After the Butcher“ eine Videothek geworden. Ist aber immer noch Kunst. Fernab des Berliner Kunstrummels, im beschaulichen Teil Lichtenbergs, ist zurzeit die Installation „Daniela Comani’s Top 100 Films“ zu sehen. Comani, 1965 in Bologna geboren, seit mehr als 20 Jahren in Berlin und Teilnehmerin der 54. Venedig Biennale, hat die Wände mit DVD-Hüllen und Filmplakaten bekannter Blockbuster und Kino-Klassiker gefüllt (bis 4. August, Spittastraße 25, Öffnungszeiten nach Vereinbarung, Tel. 0179 947 30 40). Die einzige Manipulation: Comani hat Frauen und Männer ausgetauscht. Da wird aus King Kong Queen Kong, aus dem dritten Mann eine dritte Frau. Simpel, aber elegant führt die italienische Künstlerin so Rollenklischees und Wertevorstellungen vor. Steht Schwarz farbpsychologisch bei den originalen „Men in Black“ für Härte, evoziert es bei „Women in Black“ Sexiness. Klingt „Der Duft der Frauen“ mit Al Pacino in der Hauptrolle verführerisch, möchte man sich unter dem „Duft der Männer“ keine olfaktorischen Details ausmalen. Schriftzüge und Layout der Cover und Poster hat Comani weitgehend unverändert gelassen, sie ist eine Meisterin der Camouflage. Man muss schon genau hinsehen, um Abweichungen festzustellen. Einmal mehr schärft die Künstlerin mit ihren Arbeiten den Blick, auch wenn sie Alltägliches und Bekanntes vorsetzt. Das tut sie ohne Zeigefinger, dafür mit Freude an Spaß und Spiel. Anna Pataczek

KLASSIK

Widersprüchlich: Das Orchester des chinesischen Nationalzentrums

Erst zwei Jahre alt ist das „Orchester des chinesischen Nationalzentrums der darstellenden Künste“ aus Peking, nun ist es erstmals im Konzerthaus aufgetreten – und hinterlässt einen widersprüchlichen Eindruck. Dirigent Christoph Eschenbach peitscht das Entree, Dvoráks „Karneval“-Ouvertüre, so technizistisch durch, dass es an Dressurreiten erinnert. „The Rite of Mountains“, ein Konzert für Schlagzeug und Orchester von Guo Wenjing, ist den Opfern des Erdbebens in Wenchuan vor vier Jahren gewidmet, funktioniert aber auch ohne diese moralische Keule als ein Stück absoluter Musik. Ist es doch nicht vordergründig eruptiv (Vorsicht, Erdstoß!), sondern experimentiert abseits reiner Klangmalerei. Zwischen sich verstimmenden Streichersaiten, glissandierenden Mundstückfiepsern und sehr unterschiedlich zum Klingen, Raunen und Dröhnen gebrachten Schlaginstrumenten findet Wenjing ein breites Spektrum von Klangvarianten. Li Biao, Schlagzeugprofessor an der Eisler-Hochschule, überrascht in seinem Solopart nicht nur mit virtuoser Schlagtechnik. An Marimbafon, Gongs und Trommeln vollbringt er das Kunststück, sein Schlagwerk espressivo zu bedienen. Dabei übersetzt er nicht nur die Naturgewalt in Töne, sondern transportiert, frei von Larmoyanz, menschliche Schicksale.

Hat sich das Orchester bis dahin ordentlich geschlagen und vor allem technisch beeindruckt, reicht das für Tschaikowskis Vierte nicht, zumal hier die offensichtlich heiklen Rhythmen durch Eschenbachs Binnentempo-Manierismus bis an die Grenze der Schlampigkeit verunklart werden.Christian Schmidt

GRAFIK

Nervös: Zeichnungen der Gegenwart im Kunst-Raum des Bundestags

Sie türmt sich auf, verschlingt und speit aus: Sabine Banovics „Welle“ in der Ausstellung „Neue Linien. Neuerwerbungen grafischer Kunst für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages“ (bis 9.09., Di–So 11–17 Uhr, Kunst-Raum im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus) erinnert an den japanischen Meisterzeichner Hokusai. Doch in ihrer Welle winden sich merkwürdige, kubistisch anmutende Wesen, Gischt wird zum Blütenblatt. Die Linienführung ist kantiger, energischer als bei Hokusai. Die Zeichnung als Medium ist uralt – die Künstler dieser Ausstellung bringen sie ins 21. Jahrhundert. Sie spielen mit Linien, Licht und Schatten, stellen eine Verbindung dieser alten Technik zur Gegenwart her. Und die ist mit der Kunstform der Zeichnung durchaus zu vereinbaren.

Matthias Beckmanns Bleistiftzeichnungen des Bundestags und seiner Umgebung bestechen durch erfrischende Unvollkommenheit. Die Linienführung ist nicht perfekt, kleine Wackler und Ausrutscher verleihen der Zeichnung eine gewisse Leichtigkeit. Brigitte Waldach denkt das Spiel mit den Linien weiter und hebt es in ihrer Rauminstallation auf eine neue Ebene. Strahlenförmig werden Gummiseile von Pentagrammen von den Wänden über die Decke gespannt, von wo aus sie locker zu Boden fallen. In die Seile geknotet sind prägende Symbole: Davidstern, Sonnenrad, Europasterne. Knoten in den herabhängenden Seilen brechen die scheinbare Ordnung, eine leise flüsternde Stimme sorgt für Unruhe. Nicht umsonst heißt die Installation „nervös“. Eurokrise und Unsicherheit : die Linien sind im Heute angekommen. Annika Brockschmidt

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