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KUNST

Wie Fontainebleau: Cy Twombly

im Hamburger Bahnhof

Cy Twombly hat die Spur selbst gelegt. Eine seiner großen Leinwände hat er 1960 mit „School of Fontainebleau“ betitelt. Gemeint ist jene französische Malschule, die unter Franz I. im 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts für ihren manieristischen Dekorationsstil bekannt wurde. Im Hamburger Bahnhof hängt dieses Bild nun in einer kleinen Kabinettausstellung im Kreise mehrere Druckgrafiken aus der Zeit (Invalidenstr. 50–51, bis 7. 10.; Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–20 Uhr, So 11–18 Uhr). Die Leihgaben aus dem Kupferstichkabinett und der Kunstbibliothek erlauben einen direkten Vergleich zwischen dem 2011 verstorbenen US-Maler und den Fontainebleau-Anhängern wie Rosso Fiorentino oder Nicolas Poussin. Es braucht Zeit und Muße, sich darauf einzulassen. Hier Twomblys abstrakte Farbkleckse und Bleistiftkritzeleien – flüchtig, beiläufig. Dort die bis ins hinterste Eck ausgestalteten allegorischen Szenerien und Gartenarchitekturen mit allerlei Zierrat, Frucht- und Blumengirlanden, Putten und Emblemen der alten Meister. Doch genauso wie die französischen Hofmaler mit ikonografischen Symbolen in ihren arkadischen Landschaften spielen, tut dies auch Twombly. Seinem Gemälde liegt ein Plan zugrunde, den man erahnen kann: an systematischen Kringeln, die möglicherweise eine Brunnenanlage oder rund geschnittene Bäumchen markieren, an einzelnen Wörtern wie „Sunset“, das er wie einen Platzhalter in Klammern schreibt. Und ist René Boyvins „Susanna und die beiden Alten“ nicht auch nur ein Bruchstück, das auf eine breite Handlung verweist? Anna Pataczek

KLASSIK

Wie Wachs: Das Joven Orquestra

aus Spanien bei Young Euro Classic

Sie mögen das neue Sorgenkind Europas sein, doch gilt das auf dem Fußballplatz genauso wenig wie im Konzertsaal. Da sind sie erstklassig, die Spanier. Schon in den ersten Takten von Berlioz’ „Carneval romain“ überzeugt das Joven Orquestra Nacional de España mit einem großzügigen, einheitlichen Streicherklang und einer Reaktionsstärke, die alle schnellen Übergänge sauber gelingen lässt. Diese Präzision kommt auch der Deutschen Erstaufführung des Werks von Nuria Nuñes Hierro „Donde se forjan las quimeras“ – wo die Chimären geschmiedet werden – zugute. Die Doppeldeutigkeit der Chimäre – einerseits eine mythologische Gestalt, andererseits ein Organismus aus genetisch unterschiedlichem Gewebe – überträgt Hierro auf den Orchesterapparat, wo sie versucht, eine Art Chimäre aus Bläser- und Streicherklang zu schaffen. Dem legt sie eine geheimnisvoll archaische Stimmung zugrunde, die einen mythologischen und zugleich experimentellen Kontext suggeriert. Der anfangs noch glissandierende Streicherklang verwandelt sich bald in klirrendes Glas und wird zum Schluss zum Atemgeräusch. Eine spannend gearbeitete Komposition.

Am Prüfstein von Bruckners vierter Symphonie beweist das Orchester, dass seine Einzelqualitäten auch unter einem groß gedachten Bogen bestehen können. Bei der dynamisch starken Differenzierung und dem Aufbau langer Spannungsphasen sind die Spieler wie Wachs in den Händen ihres Dirigenten Lutz Köhler, die Bläsereinsätze immer gestochen scharf. Schließt man die Augen, möchte man bezweifeln, dass man hier einem Jugendorchester zuhört. Das einzig verräterische Indiz ist das Fehlen einer gewissen Schwere, die der tiefen Religiosität dieser Musik innewohnt. Barbara Eckle

KUNST

Wie im Leben: Die BDA-Galerie

betreibt Wohnungstausch

Wem gehört die Stadt? Eigentumsverhältnisse bestimmen jede Planung. Aber so augenfällig die Häuser sind, ihre Besitzer bleiben unsichtbar. In der Galerie des Bundes Deutscher Architekten (BDA) nimmt der amerikanische Künstler Sean Raspet mit „Sublet“ die Verbindung zwischen städtischem Raum und privatem Anspruch unter die Lupe (Mommsenstr. 64, bis 16. 8., Mo–Do 10–15 Uhr). Zu sehen ist fast nichts. In einer Ecke steht ein roter Miniaturtisch von John Tremblay. Der Winkel ist an die Schweizer Galerie Studiolo untervermietet. Dafür hat die BDA-Galerie ihrerseits eine ebenso große Fläche in einer New Yorker Galerie angemietet. Das Kernstück des Projektes besteht aus dem elfseitigen Vertrag, der im Internet nachzulesen ist. Juristische Formeln definieren Verwendung, Preis und Zahlungsmodalitäten. Das Dokument veranschaulicht das Fundament einer materialistischen Welt: den Austausch von Besitz und Nutzungsrechten.

Eingefädelt hat die listige Ausstellung Jakob Schillinger. Er ist einer der Kuratoren der Überblicksausstellung „Based in Berlin“ vom vergangenen Jahr. Während der aktuellen Documenta leitet er die „School of Worldly Companions“, demnächst wird er für den Verein Neue Kunst in Hamburg als Kurator die Stipendiaten auswählen. Weitere Projekte hat der höchst nachgefragte Jungkurator bereits geplant. Auch die Serie in der BDA-Galerie soll fortgesetzt werden. Der Auftakt bleibt zwar weitgehend unsichtbar. Deswegen ist er aber nicht weniger bemerkenswert.Simone Reber

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