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MULTIVISONSSHOW

Ornament der Masse:

Siro-A im Admiralspalast

Diese Asiaten, immer vorne dran, wenn es technisch was Neues zu basteln gilt. Und jetzt sogar im Liveunterhaltungsgeschäft – mit einer bereits vor einem Jahr beim Fringe Festival in Edinburgh prämierten Multivisionsshow. „Siro-A“ heißt die aus sechs jungen Japanern aus Sendai bestehende Videokünstlergruppe, deren gleichnamige Darbietung jetzt erstmals in Berlin zu sehen ist (bis zum 12. August im Admiralspalast Studio). Gleich am Eingang zeigt ein Schild an, das die von gesampelten Elektrobeats untermalten Videoprojektionsgewitter nicht nur brandaktuell, sondern auch brandgefährlich sind. „Achtung, die technischen Effekte können Reflex-Epilepsie auslösen“, steht da. Die vom hineinströmenden, ausgesprochen jungen Showpublikum flapsig kommentierte Warnung bietet gleich noch einen schönen Extrakick.

Dass viele Touristen kommen, ist intendiert. Die wahlweise in Weiß oder Schwarz gekleideten dünnen Jungs von „Siro-A“ haben zwar maskenhafte weiß gepuderte Gesichter, doch diese Reminiszenz an das No-Theater ist auch schon das einzige Japanische an ihnen. Der mit englischen Wortbrocken dekorierte Bildertechno ihrer auf Leinwände, Würfel, Körper oder tafelartige Handschuhe geworfenen Episoden ist massenkompatibel. Und die beiden DJs an ihren Pulten sowieso. Der Reiz der an Roboterästhetik orientierten Tanzchoreografien, der grafischen Ornamente, der Computerspielanimationen, der witzigen Bewegungsequenzen mit realen und virtuell vervielfältigten Personen liegt in der Echt-und-Falsch-Illusion. Ist die Silhouette, ist der hüpfende Ball da ein Mensch oder eine Simulation? Und was passiert, wenn beides aufeinandertrifft? Das ist die technisch virtuos umgesetzte, aber dramaturgisch etwas dünne Showidee. Farbgeflacker, Mitmachspielchen und Musikgewummer verhindern jede Langeweile. Zeit dafür ist sowieso nicht, „Siro-A“ ist abzüglich Pause nur straffe 60 Minuten lang. Und Epilepsieanfälle? Heute zum Glück keine. Gunda Bartels

YOUNG EURO CLASSIC

Erwartungsvoll: das Moritzburg Festival Orchester im Konzerthaus

Der Mann ist für Überraschungen gut. Als Minister muss sich Peter Ramsauer mit dem Bundesverkehrswegeplan herumschlagen, als Pate bei Young Euro Classic bekennt er, dass er sich auch mit Musik herumgeschlagen hat. Wichtig sei „Demut vor dem Komponisten, vor jeder Note, jeder Tempovorschrift“ (darüber reden wir noch) und „Musik entsteht aus Geist, Nachdenken und Entspanntheit“ (mehrheitsfähig). Dann ein Schreck: Arg wackelig spielt das Moritzburg Festival Orchester die Hymne von Young Euro Classic. Das zaghaft Suchende, Tastende setzt sich bei Prokofjews „Klassischer Symphonie“ in D-Dur fort. Erst bei Saint-Saëns erstem Cellokonzert finden die jungen Musiker zu spannungsvollem Klang, ja majestätischem Glanz (Dirigent: Grant Llewellyn).

Ist es die auratische Präsenz eines Künstlers wie Jan Vogler? Der Leiter des Moritzburg Festivals, auf dem das Orchester jedes Jahr neu zusammengesetzt wird, spielt mit lieblich singendem, wohlig-weichen Strich. Saint-Saëns lotet die ganze Skala des Cellos aus und führt Vogler in Höhen, die eigentlich dem Reich der Geige angehören. Sofia Gubaidulinas „Impromptu für Flöte, Violine und Streichorchester“ (1996) ist dagegen eine Studie über die Möglichkeit von Klangfarben. Das Stück ist passend platziert in der Mitte des Konzerts, setzt es sich doch genauso mit der Tradition auseinander wie Prokofjews Symphonie und blickt zugleich nach vorne – wie Beethoven in seiner 2. Symphonie. Die stehenden Geiger erinnern daran, wie viel 18. Jahrhundert auch in Beethoven noch steckt. Aber das Neue, Vorwärtsdrängende, Wollende ist ganz da. Llewellyn arbeitet es mit knapper, genau bemessener Gestik heraus, dynamisch raffiniert und differenziert, ohne übertrieben pathetisch zu werden. Höhepunkt: der zweite Satz, das Larghetto. In sich ruhend, gelassen, durchzogen von gespannter Erwartung. Eben eine Mischung aus Geist, Nachdenken und Entspanntheit. Udo Badelt

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