KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Andreas Hartmann

POP

Unverständliche Laute:

Swans im Berghain

Seit 30 Jahren spielen Swans aus New York mit um den Titel „brutalste Band der Welt“. Stoische Gitarrenriffs, tribalistisches Schlagzeuggehämmer und Texte über Tod, Sex und Mord führen dazu, dass man sich beim Hören gehörig unwohlfühlt. Die heutigen Platten der Swans, die sich vor kurzem erst reformiert haben, hören sich im Vergleich zu früher fast versöhnlich an: Songs statt Krach, auf dem neuen Album singt sogar Karen O von den Yeah Yeah Yeahs einen Song.

Damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, die Band um Mastermind Michael Gira sei altersmilde geworden, tut das Livekonzert der Swans im Berghain wieder richtig schön weh. Die Lautstärke bläst einen schier weg, man kommt sich vor wie im Krieg. Mit Gitarre, Schlagzeug und Bass wird ein Höllenlärm veranstaltet, ein Gong und eine Geige werden malträtiert, in besinnlicheren Momenten bläst Gira die Mundharmonika wie in Ennio Morricones „Todesmelodie“.

Giras Physiognomie allein wirkt angsteinflößend. Mit seinem langen, schütteren Haar und dem ausgemergelten Körper sieht der Mann aus wie ein Serienkiller, zwischen den Stücken gibt er unverständliche Laute von sich, als sei er völlig weggetreten. Dieses Hören mit Schmerzen erinnert sehr an die 80er, eine Zeit, in der die Einstürzenden Neubauten noch als Avantgarde galten. Doch anders als bei denen bedeutet es heute noch etwas, wenn man sagen kann: „Ich habe ein Konzert von Swans überlebt.“ Andreas Hartmann

YOUNG EURO CLASSIC

Rauschhafte Effekte:

das rumänische Jugendorchester

Der rumänische Beitrag zum Festival stand unter tragischen Vorzeichen: Pianistin Mihaela Ursuleasa war zwei Tage vor ihrem Auftritt im Konzerthaus völlig unerwartet an einem Hirnschlag gestorben. Die 33-Jährige hinterließ eine große Lücke: Kurzfristig musste für Chopins erstes Klavierkonzert Verdis Ouvertüre zur „Macht des Schicksals“ und Richard Strauss’ „Don Juan“ einstudiert werden.

Das Nationale Jugendorchester Rumäniens macht im Wortsinn das Beste daraus. Von dieser Präsenz und Prägnanz, von solch unbestechlicher Intonation können manche Profis nur träumen. Der ausstrahlungsstarke Dirigent Cristian Mandeal gehört dringend auf ein Berliner Pult, wenn man bedenkt, was er selbst aus Rachmaninows „Symphonischen Tänzen“ noch herausholt. Er leistet sich lange Fermaten, fundierte Agogik, rauschhafte Effekte, und die jungen Musiker fressen dem Maestro aus der Hand.

Große Klasse beweisen sie auch bei der Uraufführung von Dan Dedius „Frenesia 2“, deren Schichtungen von kurz aufflackernden Klangmotiven für jedes Orchester eine Herausforderung sind. Einzig dem „Don Juan“ fehlt sein eruptives Feuer. Jubel über Jubel nach Enescus „Rumänischer Rhapsodie“. Christian Schmidt

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