KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Volker Lüke

METAL

Tod und Teufel: Electric Wizard

im Festsaal Kreuzberg

Es gibt sie wirklich, diese grimmigen, mit Satanskreuzen behangenenen Unholde, die mit der grausamen Verschlagenheit eines gefallenen Engels unsere Sinne vernebeln, bis mittelalterliche Folterbilder Gestalt annehmen. All die Jahre christlicher Erziehung umsonst, nur weil diese langhaarigen Krachmacher aus dem englischen Dorset eine Vorliebe für das Übersinnliche, Okkulte, Dämonische haben. Electric Wizard sind so was wie die Retter aller satanisch-bösen Metal-Klischees, die bestehen, seit Black Sabbath die Ursuppe des Doom-Metals angerührt haben. Seit 20 Jahren kriechen die elektrischen Zaubermeister mit tonnenschweren Tommi-Iommi-Gedächtnis-Riffs durch die zerklüftete Unterwelt der Rockmusik und sind dabei zwei Tage nach Wacken im todesröchelvollen Festsaal Kreuzberg gelandet, um die Fans mit einer Musik zu beglücken, die sich auf Zeitlupengewalt und doomige Düsternis konzentriert.

Die dünne Luft erzittert wie von dunklen Schwingen, als die Band auf die Bühne steigt, um einen dumpf wallenden Lärm loszutreten, der das Geriffe quälwimmrig gestimmter Gitarren mit donnernden Felsengewitterdrums und der atmosphärischen Schlotterdichte einschlägiger Horrorfilme verstrickt. Neben Oberzauberer Justin Oborn, der mit seelenvoller Stimme von Tod und Teufel singt, steht dabei Gitarristin Liz Buckingham im Blickpunkt, die sich mit dem Anführer teuflische Gitarrenduelle liefert und aussieht, als sei sie einem dieser obskuren Hexen-Titten-Blut-und-Satan-Filme entstiegen. Ein unvergesslicher Abend in einer hochprozentigen Wolke aus Schweiß und Marihuana. Volker Lüke

KLASSIK

Eleganz und Energie: Die Potsdamer

Kammerakademie in Neuruppin

Theodor Fontane hat zwar vermutlich lieber Bach als Mozart gehört, aber dennoch hieß es am Sonntag in Neuruppin „Mozarts zu Gast bei Fontanes“. Die Jupitersymphonie sowie drei Arien des Wiener Komponisten standen bei dem Konzert der 22. Brandenburgischen Sommerkonzerte auf dem Programm. Den Anfang machte allerdings eines von Strawinskys ersten neoklassizistischen Arbeiten „Apollon musgète“ von 1927. Umschlossen von den romanischen Backsteinmauern der Klosterkirche St. Trinitatis, zieht die Kammerakademie Potsdam die über 600 Besucher in der vollbesetzten Kirche sofort in den Bann: Strawinskys Ballettmusik strahlt die geradlinige Eleganz eines antiken Göttertempels aus und der Minimalismus einer reinen Streicherbesetzung hat nach wie vor einen erstaunlichen Reiz. Für etwas mehr Opulenz sorgt dann die britische Sopranistin Elizabeth Watts. Die 33-Jährige intoniert die Arien nicht nur meisterhaft, sondern leidet, entzückt und empört sich in jeder einzelnen Zeile auf sympathisch natürliche Weise.

Der zweite Star ist der italienischstämmige Dirigent Antonello Manacorda: Ein perfekter Motivator, dessen Energie sich auf das Ensemble überträgt. Bei aller Akkuratesse agiert er häufig so leidenschaftlich, dass man glaubt, er wolle die Musik mit bloßen Händen formen. Auch Mozarts letzte Symphonie gerät so äußerst mitreißend und entlässt die Besucher schwärmend in den Abend. Erik Wenk

ROCK

Labyrinth und Ekstase:

Baroness im Magnet

Wolken aus Männerschweiß schlagen einem entgegen beim Konzert der Band mit dem aristokratischen Namen und der harten Musik: Die Fans von Baroness aus der Südstaatenmetropole Savannah haben am schwülwarmen Sonntagabend den Magnet Club bis zum Bersten gefüllt. Unfreiwillig am Rücken des Vordermanns klebend, bemüht man sich um freie Sicht durch die wogenden Köpfe des überdurchschnittlich groß gewachsenen Publikums. Die Band ackert irgendwo dahinten. Man erkennt im Streiflicht, wie das ekstatisch geschüttelte Haupthaar von Leadgitarrist Peter Adams einen feinen Sprühnebel verteilt, man hat die wirbelnden Drumsticks von Allen Blickle und den stolz emporgereckten Bass von Matt Maggioni im Blick. Und den wohlgeformten Kahlschädel des rübezahlbärtigen John Baizley, der mit Adams nicht nur butterzarte bis bösartig grummelnde Gitarrenduette, sondern auch den meist zweistimmigen Gesang intoniert. Einprägsame Melodieverästelungen sind der Ariadnefaden durch labyrinthische Songs, die in den beherzt gegrölten Refrains eine stilistische Nähe zum Grunge aufweisen. Verschnitten mit Elementen aus Heavy Metal und Prog Rock, klingt das manchmal wie: Pink Floyd trifft Iron Maiden, gespielt von Soundgarden. Nicht nur wegen der technisch anspruchsvollen Instrumentalpassagen ist das echte Schwerarbeit, wie die zunehmend lockere Kleiderordnung zeigt. Schon lange vor Ende von 80 intensiven Minuten kann man die Tattookollektion auf Baizleys Oberkörper bewundern. Weltanschaulich verfängliche Symbole sind nicht dabei, die Umschulung zum Wagnersänger für die Bayreuther Festspiele wäre also noch möglich.Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben