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POP

Beglückender Herzschmerz:

Nite Jewel in der Berghain Kantine

Draußen herbstelt es schon, doch in der Berghain Kantine herrschen noch hochsommerliche Temperaturen. „Es ist zu heiß für das Seidenkleid, das ich eigentlich tragen wollte“, sagt Ramona Gonzales alias Nite Jewel zu Beginn ihres Berliner Konzertes. Aber auch im schwarzen Minirock und weißem Top macht sie eine gute Figur. Vor allem lässt ihr das Outfit genug Bewegungsfreiheit beim Tanzen. Die rechte Hand am Keyboard, in der linken das Mikrofon federt die kleine Musikerin aus Los Angeles unentwegt auf und ab.

Ihr stark Achtziger-beeinflusster Synthie- Pop klingt live zugleich dynamischer und ungeschliffener als auf ihrem neuen Album „One Second of Love“, dessen Titelsong ein früher Höhepunkt des einstündigen Sets ist. „I’m a broken record, you’ve heard this before“, lautet die erste Zeile der Platte, und tatsächlich weckt Nite Jewel viele Erinnerung, ohne jedoch in eine reine Retro-Inszenierung abzugleiten. Das liegt daran, dass sie offen für Einflüsse aus diversen Richtungen ist. So mischt sie mal ein bisschen Funk, mal etwas Dubstep und dann wieder eine Menge R’n’B in ihren Sound. Programmatisch der Auftakt mit „Thinking Bout You“, einem Cover von Frank Oceans kürzlich erschienenem R’n’B-Geniestreich „Channel Orange“. Im Duett mit Keyboarder Nicholas Krgovich steigert Nite Jewel den Herzschmerzfaktor des Originals sogar noch um einige Prozentpunkte. Leider ist ihr Gesang zu leise und arg verhallt an diesem Abend. Doch weil ihr mit der dreiköpfigen Band immer wieder tolle Popmomente mit eckigem Charme gelingen, verlässt man die Kantine mit einem Lächeln. Nadine Lange

VIDEO

Tiefe Wunden: Ingeborg Lüscher

im Hamburger Bahnhof

Der Schmerz ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Da brauchen sie keine Worte zu verlieren. Nichts als Gedankenspiele hat die Deutsch-Schweizerische Künstlerin Ingeborg Lüscher deshalb von den 30 Israelis und Palästinensern verlangt, die sich vor ihre Kamera gewagt haben. „Denke, wer du bist“ – „Denke, was die andere Seite dir angetan hat“ – „Denke, kannst du vergeben?“ Die Gesichter der Frauen und Männer, jung und alt, verändern sich bei jeder Aufforderung, sie wandern über ein Triptychon von Projektionsflächen, die von der Decke im Kinoraum des Hamburger Bahnhofs hängen (bis 6.1. 2013, Di–Fr 10–18, Sa 11–20, So 11–18 Uhr).

Man erfährt nicht, auf welcher Seite sie stehen, man erfährt nicht, wen sie verloren haben. Die Eltern, die Brüder, die Söhne? Die Botschaft ist intensiv genug. Und unendlich traurig. Die Videoinstallation „Die andere Seite“ der 76-jährigen Lüscher, mehrfache Biennale- und Documenta-Teilnehmerin, ist ein Destillat des unendlichen Leids, das der Nahostkonflikt hervorbringt. Ein Beweis für die unheilbaren Wunden. In schrecklicher Stille, ohne Ton und in Schwarz-Weiß. Palästinenser wie Israelis weinen, schlucken, beißen sich auf die Lippen, die Nasenflügel beben. Vor allem bei der Frage nach Vergebung ringen sie sichtbar mit sich, und doch kommt am Ende von den meisten ein vorsichtiges bis vehementes Kopfschütteln. Nein, Vergebung gibt es nicht. So bezeugt die beeindruckende Videoarbeit von Ingeborg Lüscher vor allem eins: die Hoffnungslosigkeit. Wenn die Menschen wüssten, wie sehr sie sich in ihrer Trauer ähneln.Anna Pataczek

KLASSIK

Viele Stile: NJO Summer Academy bei Young Euro Classic

Sogar bei Young Euro Classic gibt es durchwachsene Konzerte. Schwer zu sagen, woran es an diesem Abend liegt, vielleicht hat die niederländische NJO Summer Academy unter dem Alte-Musik-Spezialisten Jaap ter Linden einfach ein paar Stilschubladen zu viel bedienen wollen. Da ist zunächst der eigentümliche Mix aus Barockmusik, klassischem Schlager und, nun ja, Bricolage, der auf dem Programm steht – zum Beispiel die Sinfonie des fast noch kindlichen Mendelssohn Bartholdy, die alt und neu zugleich tönt, nach Stilkopie und ersten eigenen Gehversuchen. Wo liegt hier Authentizität, wie nähert man sich dem stimmtechnisch dicht verwobenen Anfang des Andante? Jaap ter Linden leitet Hörer und Ensemble nicht genügend an, lässt an dieser Stelle viel zu viel auf einmal klingen. Oder Mozarts „Kleine Nachtmusik“: Schön gerät vor allem der verhuschte Innenteil im zweiten Satz. Die dramatischen Innenstücke im Rondo dagegen verlieren unter ter Lindens stetem Mitwippen und seinem spannungsarmen Dirigat. Eine Entdeckung ist das freundliche „Concerto Armonico Nr. 2“ von Graf Unico van Wassenaer (1692-1766), mit dem das junge Ensemble viel Sympathie auf sich zieht. Und die Solokonzerte, die es ohne Dirigent bestreitet: mit Martine Sikkenk in Vivaldis Mandolinenkonzert, die ihr zart zirpendes Instrument auf dem Schoß hält, und Cecilia Bernardini, die auf ihrer ebenfalls nadelfein tönenden, empfindlich ansprechenden Barockvioline eine großartige Solistin für Bachs Solokonzert A-Dur ist. Christiane Tewinkel

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