KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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PUNK

Durchsichtig undurchsichtig:

The Pogues in der Zitadelle Spandau
Immer wieder die alte Frage zu den Lebensläufen besonders anrührender Künstler: Was da zuerst war? Das große Talent, der bewegende Ausdruck? Oder der Suff, die Drogen? Stimulanzien, die das Kunstwerk erst ermöglichten? Oder Künstler und Werk eher ruinieren? Nachdem die 1982 gegründete englisch-irische Folk-Punk-Truppe The Pogues 1991 ihren ausdrucksstarken Sänger und Songschreiber Shane MacGowan wegen seiner Alkoholexzesse aus der Band geworfen hatte, musste sie erkennen, dass mit ihm auch das Feuer raus war. 1996 lösten sich die Pogues auf. Ab 2001 fanden sie sich gelegentlich wieder zusammen, ließen es wieder lodern. Spielten zur Freude der treuen Fans die alten unverwüstlichen Lieder, die in ihrer feinen Instrumentierung mit akustischer Gitarre, Tin Whistle, Banjo, Akkordeon, Zittern, Bass und Schlagzeug wie traditionelle keltische Folksongs klingen, aber doch überwiegend von Shane MacGowan stammen.

Auf der Bühne der Zitadelle wirkt er wie der Geist von Johnny Cash: mit zurückgetrimmten schwarzen Haaren, schwarzem Anzug, schwarzer Sonnenbrille, kalkweißem Gesicht, heraushängendem Hemd und herausragenden Songs. „Streams Of Whiskey“ über einen anderen begnadeten Suffkopp, den irischen Dichter Brendan Behan. „If I Should Fall From The Grace Of God“. Geschickt benutzt MacGowan das Mikrostativ als Stehhilfe, knurrt und knarrt rührend seine Ballade „A Pair Of Brown Eyes“, steckt sich eine Zigarette an, nimmt einen Schluck durchsichtig Undurchsichtiges, setzt sich hin, wenn die formidable Band instrumental glänzt. Geht auch mal zum Ausruhen von der Bühne, lässt die anderen machen.

Spider Stacy singt eine feine Version von „Tuesday Morning“, ihrer weltweit erfolgreichsten Single, aufgenommen ohne MacGowan. Der schlurft wieder ans Mikro, hält sich fest, singt noch ein paar hübsche Lieder. Rasantes Gerattere. Rührende Balladen. Und jedes Mal fürchtet man, diesen Shane MacGowan zum letzten Mal gesehen zu haben. H.P. Daniels

YOUNG EURO CLASSIC

Gemischtes Doppel: ein Abend

mit dem Bundesjugendballett

2010 gab es das erste Filmkonzert, 2011 die erste Opernproduktion, und nun, im 13. Jahr von Young Euro Classic, also das erste Mal Tanz. Es ist ein Experiment, der „Pas de deux“ betitelte Abend steht im Zeichen des chinesischen Kulturjahres in Deutschland 2012: eine deutsche Auftragskomposition, choreografiert von einem Chinesen und eine chinesische Auftragskomposition, choreografiert von einem Deutschen, aufgeführt von deutschen und chinesischen Musikern und Tänzern.

Ist das Experiment geglückt? Angesichts des von Marko Zdralek komponierten „Ich flamme – Tänze im Sonnenwind“, muss man verneinen: Die Musik ist europäisch verkopft und läuft an der technisch brillanten Performance des Bundesjugendballetts vorbei. „Les yeux verts cheveux noirs“ löst dagegen das Versprechen des Abends voll ein: Die 23-jährige Komponistin und ehemalige Punkmusikerin Guo Yanwa beweist Mut, indem sie das Ensemble mit westlichen und chinesischen Instrumenten besetzt. Das Ergebnis ist eine überaus spannende Mixtur. Die Tänzer agieren hier viel gelöster, begeistern das Publikum mit einer Fülle an Ideen und Pointen: Sie nutzen Stoff-Wände zum Versteckspiel, beziehen Wurfbälle mit ein und erinnern in ihren Bewegungen oft an Tai-Chi. Die Choreografie übrigens stammt hier von dem erst 19-jährigen Patrick Eberts, der selbst Mitglied des Bundesjugendballetts ist. Erik Wenk

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