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MUSIKTHEATER

Großer Lauschangriff: „Fernweh“

in der Neuköllner Oper

Und wohin fährst du diesen Sommer? Ein armer Tropf, wer darauf keine Neid erweckende Antwort geben kann. Also mindestens: Nordpolexpedition, ganz nah ran. Je extremer, desto prestigeträchtiger. Rafting in den Pyrenäen, Mountainbiking auf der Straße des Todes, Bungee-Jumping über einem chilenischen Vulkan, die Kategorie muss es schon sein. Aber da ist dieser seltsame Mann, der sich den Mindestanforderungen der zivilisierten Reisegesellschaft verweigert. Sitzt tagein, tagaus in seinem Zimmer, bei geöffnetem Fenster. „Er will die Welt hören“, heißt es. Aber er verlässt die Wohnung nie. Wo doch jeder weiß: Das echte Leben findet draußen statt. Wer nicht die Fremde sucht, bleibt selbst befremdend.

„Fernweh – Aus dem Leben eines Stubenhockers“ (wieder 26.8., 30.8.–2.9., 20 Uhr) hat die Neuköllner Oper ihre jüngste Produktion betitelt. Regie führt Matthias Rebstock, der mit seinem Ensemble Leitundlause für die Bühne an der Karl-Marx- Straße schon Hits wie „Referentinnen“, oder „Geschichten aus dem Plänterwald“ produziert hat. Diesmal wählt er die Form eines Live-Hörspiels, dessen Text er zusammen mit Hermann Bohlen geschrieben hat. Es ist weniger eine zusammenhängende Erzählung, vielmehr entstehen oft komische, manchmal lyrische Miniaturen über den Wandertrieb, den Perspektivwechsel – und den Klang der Welt. Zum Augenschließen und Hinhören verleitet „Fernweh“. Die Spieler Ulla Renneke, Mariel Jana Supka und Stephan Lohse sitzen anfangs in einer Sprecherkabine vorm Mikro und heben an zur Reflexion über die Rastlosigkeit, Bärbel Schwarz gibt eine Regisseurin am Mischpult, der das Dirigat bald entgleitet. Dazu läuft ein Tonangler durch die Szenerie, der einem Alltagsgeräusche wie die blubbernde Kaffeekanne auf dem Herd laut heranzoomt. Der große Lauschangriff der Normalität.

Die Musik von Michael Emanuel Bauer variiert prägnant-eigenwillig Franz Schuberts Klavierwerk „Wanderer-Fantasie“ (hervorragend am Piano: Panagiotis Iliopoulos), Lieder aus „Apparition“ von George Crumb („The Night in Silence under Many a Star“) – sowie den Soundtrack des Science-Fiction-Klassikers „Fantastic Voyage“ von 1966. Der handelt von einem Mini-U-Boot, das in die Blutbahn geschossen wird. Die Reise ins Ich verspricht das größte Abenteuer von allen. In einem selbst, das klingt an in „Fernweh“, wohnt schließlich auch das Fremde. Patrick Wildermann

KLASSIK

Großer Bahnhof: Auftakt des Festivals „Ankunft: Neue Musik“

Der Berliner Hauptbahnhof ist so ziemlich der letzte Ort, an dem man einem 40-köpfigen Symphonieorchester lauschen möchte. Doch genau an diesen Ort – auf der mittleren Ebene im Zentrum des Gebäudes – hatte sich das Jugendsymphonieorchester Marzahn-Hellersdorf postiert, um das zwölftägige Festival „Ankunft: Neue Musik“ der Zeitgenössischen Oper Berlin zu eröffnen, dessen 30 Veranstaltungen sich ebenfalls im Hauptbahnhof abspielen werden.

„Für John Cage galt: Alles, was klingt, ist Musik“, gibt Festivalleiter Andreas Rocholl das Credo vor. Während das Orchester in einer Burg aus 500 schwarzen Holzkisten sitzt, rauschen ein paar Meter darüber S-Bahnen Richtung Friedrichstraße und Regionalzüge. Passenderweise wird der Abend auch mit Cage eröffnet: Bei „Imaginary Landscape No. 4“ fungieren zwölf Radios als Instrumente – je ein Musiker dreht am Lautstärkeregler, ein anderer an der Frequenz. Die rund 200 Zuhörer – einige auf den „Rängen“ des höher gelegenen S-Bahnsteiges – schwanken zwischen Belustigung, Faszination und Stirnrunzeln, bleiben jedoch fast alle bis zum Schluss. Das Konzept funktioniert, da sich das Jugendsymphonieorchester auch mit „Deutschlandsberger Mohrentänze“ von Hans Werner Henze und „Ein Traum, was sonst“ von Jan Müller-Wieland sehr effektvolle und perkussive Stücke ausgewählt hat, die man selbst vor der Geräuschkulisse des Bahnhofs mit Genuss hören kann. Ein ebenso spannender wie gelungener Festivalauftakt. Erik Wenk

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