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KUNST

Schwindelig: „Israel hängt Kafka ...“ in der Galerie Meinblau

Walter Benjamin steht auf seinem durchschossenen Gehirn, Frösche strecken Messerspitzen aus dem Maul, und wo gewöhnlich die Armbanduhr sitzt, blickt Franz Kafka ins Zeitloch. Denn der ist 1924 nicht verstorben, sondern mit Herrn Rotpeter – dem Affen aus „Ein Bericht für eine Akademie“ – nach Palästina gerudert. Von dort aus schickt Volker März den Dichter auf eine Reise durch die Conditio humana. Erzählt mit fast hundert kleinen Tonfiguren, als multimediale Installation über zwei Ebenen im Kunsthaus Meinblau (Christinenstr. 18/19, bis 16. 9.).

Kafka & Co. tragen Anzug und Krawatte, Badehose mit Davidstern, Sträflingskleider und haben hochrote Ohren, Pinocchio-Nasen oder das Geschlecht entblößt. Zwischen seine „Schmuddelpuppen“ streut der 1957 geborene Künstler pseudo-dokumentarische Fotografien, Malerei, Musikvideos und Kafkas Briefe an Hannah Arendt, Golda Meir oder Pina Bausch. Listig zieht die „Kafkarawane“ über Wände oder einen Laufsteg aus Riesenradiergummis, baumelt als Mobile von der Decke. Oder am Galgen. Denn „Israel hängt Kafka und entschuldigt sich bei ihm nach dem Regierungswechsel“, so der Titel. Nicht nur visuell ist diese überbordende Fiktion schwindelerregend. „Rassismus lauert überall“, sagt März und spürt dem zwischen Gestern und Heute, zwischen Deutschland, Israel und Südafrika nach. Mit bitterböser Ironie und jenseits politischer Korrektheit. Tiefschwarzer Humor, der an Tabus rüttelt und nachdenklich stimmt. Niemandem ergeht es hier wie Kafkas Besucher „Auf der Galerie“, der am Ende weint – „ohne es zu wissen“. Michaela Nolte

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