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MUSIKFEST

Metropolenmusik: Mariss Jansons

und das Concertgebouworkest

Autohupe gegen Schiffssirene, Gershwins „Amerikaner in Paris“ und Edgar Varèses „Amériques“: Das wäre mal eine coole Kombination gewesen. Beides sind moderne Großstadt-Klanggemälde – nur dass der Franzose in New York viel radikaler vorgeht als der Amerikaner. Während der Zuhörer bei Gershwins charmanter Metropolen-Hommage kaum die Füße stillhalten kann, wird er bei Varèse schier erschlagen. 140 Musiker, darunter 18 Schlagzeuger, drängen sich am Dienstag auf der Philharmonie-Bühne. Und veranstalten unter der Leitung von Mariss Jansons einen genialen Lärm. Aus einer zarten Flötenkantilene entwickelt sich ein akustisches Wimmelbild, dominiert von technischen Geräuschen. Wie eine schwere Maschine pulsiert das Amsterdamer Concertgebouworkest, extrem kraftvoll, unerbittlich präzise – diese Aufführung ist in jeder Hinsicht eine Wucht.

Leider fehlt als klangfarbliches Kontrastmittel Gershwins Gegenstück. „Amériques“ steht monolithisch da, zu den anderen Stücken des Abends will sich keine Beziehung herstellen. Nicht zu Samuel Barbers „Adagio for Strings“, das Jansons bewusst antisentimental nimmt, dicht, abstrakt, als tönend bewegte Form. Und erst recht nicht zur Bußestunde der ersten Konzerthälfte: Sergej Leiferkus rezitiert in Schönbergs „Überlebender aus Warschau“ zu theatralisch, aus archaischen Fernen weht Strawinskys „Psalmensinfonie“ herüber, im noblen Klang-Amalgam des Berliner Rundfunkchors (Einstudierung: Simon Halsey) mit den Amsterdamer Musikern. Frederik Hanssen

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