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MUSIKFEST

Eigentöner: das London Symphony

in der Philharmonie

Kunst kommt von Vermittelnkönnen. Fremde Sprachen stellen da keine ernst zu nehmende Barriere dar: Michael Tilson Thomas versieht seinen Auftritt mit dem London Symphony Orchestra in der Philharmonie mit kleinen Einführungen, auf Deutsch, zur Not auch ohne Mikrofon. Das Programm ist für den stets kurz MTT genannten Dirigenten ein Herzensanliegen, hat er sich doch von Beginn an für die Sonderlinge und Eigentöner der amerikanischen Musik begeistert, die nun beim Musikfest ihr Podium finden. Da ist Aaron Copland mit seinen trotzigen „Orchestral Variations“, denen MTT auch heute noch „einen gewissen Punch“ attestiert oder Morton Feldman, dessen Werk „Piano and Orchestra“ in eine verzauberte, stille Welt „zwischen Webern und Ellington“ lockt.

Auf die Einführung folgt die Entführung: MTT und seine Londoner Musiker verstehen sich in kleinsten kultivierten Gesten. Copland kann vielleicht rauer klingen – beredter sicher nicht. Emanuel Ax stellte sich darauf ganz in den tastenden Dienst von Feldmans Klavier-Orchester-Meditation, bei der kein einzelner Schlag mehr zu hören sein soll. Nur Gleiten, nur Farbspiel der Klänge, in dem man versinken kann wie in einem Gemälde von Rothko. Charles Ives’ Holiday-Symphony erfährt dann keine erklärenden Worte mehr, aber geballte Aufmerksamkeit im wuseligen, autonom auseinanderstrebenden Orchesterleben. Eine Rückschau auf die Feiertage der Kindheit, deren Melancholie und Wucht MTT und seine Musiker lustvoll ausspielen. Ulrich Amling

HOMMAGE

Mit der Brechtstange: Eisler-Chansons im Konzerthaus

Allein die Tatsache, dass sich die in Berlin ansässige Internationale Hanns-Eisler-Gesellschaft zum 50. Todestag des verkannten Komponisten um sein Erbe bemüht und im Konzerthaus wenigstens einen Teilaspekt seines Schaffens pflegt, ist schon aller Ehren wert. Fraglich ist, ob es unbedingt ein Chansonabend mit der Allrounderin Dagmar Manzel sein muss. Die gedenktägliche Programmauswahl im ausverkauften Kleinen Saal ist, positiv ausgedrückt, bunt, auf Brecht-Texte kapriziert. Die Arrangements von Pianist Tal Bashai für dazugeholte Klarinette, Posaune, Cello und Schlagwerk geraten nicht immer glücklich.

Die Protagonistin selbst wirkt am besten in ihrer kultiviert-dreckigen Alt-Parlando-Stimme. Im Sopranregister bleibt ihre Stimme eher dünn und körperlos, dafür aber enorm wandlungsfähig, und aus der denkbar bescheidenen Bühnensituation zaubert die Manzel eine ausgesprochene Kammerspielatmosphäre. Als Schauspielerin macht ihr ohnehin kaum jemand etwas vor, doch die Chanteuse trifft nicht immer den gewohnten Eisler- Ton, den man zum Beispiel von der im Publikum sitzenden Gisela May im Ohr hat. Aber vielleicht ist das auch gar nicht schlimm, es geht ja gerade darum, den vielseitigen und so unglücklich vergessenen Komponisten wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu ziehen. Verdient hat es der zu oft einseitig beurteilte und unrechtmäßig in Schubladen gesteckte Gesellschaftskommentator allemal: auch, aber nicht nur im so genannten heiteren Fach. Christian Schmidt

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