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NEUE MUSIK

Geisterbahn in der Deutschen Oper:

Konzertinstallation mit Lachenmann

„Keine Sauna hier“ versprechen Transparente im Innenhof. Die Deutsche Oper, so imaginiert es die Konzertinstallation „Bismarckstraße 35“, soll abgerissen und durch die Bismarck Arkaden, ein Erlebnis-Shoppingcenter mit Solarium- Park, ersetzt werden. Ein letztes Mal bietet sich die Gelegenheit einer Führung durchs Haus. An den vier renitenten Orchestermusikern, die es besetzen, möge man sich nicht stören. Eine Räumungsklage sei im Gang.

Die Reise führt vom Möbelfundus zu den Umkleiden, wo Kuchenreste und Konfetti von einem rauschenden Abschiedsfest erzählen. Plötzlich Stromausfall. Im Dunkeln vernimmt man ein Knarren und Jaulen, aus der Ferne erklingt eine Antwort. Langsam erkennt das Auge, wie eine Gestalt mit Geige durch den Raum geistert. Aus den Geräuschen werden Töne, aus den Tönen Musik. Da geht das Licht an, die Musik ist aus und die Gestalt verschwunden.

In einer Rumpelkammer unterm Dach spielen die vier Besetzer in barocker Tracht Schuberts „Der Tod und das Mädchen“, doch werden sie bald von diabolischem Baulärm übertönt, der auch den Abstieg in bekanntere Gefilde begleitet. Aber kommt der Lärm nicht auch von den Streichinstrumenten? Spätestens als das versprochene 3. Streichquartett von Helmut Lachenmann im vertrauten Foyerbereich erklingt, wird der Sinn der Konzertinstallation klar. Von der Gehörschulung auf die Relativität des Geräuschs eingeschworen, wirkt diese Musik im Kontrast geradezu transparent. Hören zu lernen in Lachenmanns Sinn der positiven Verunsicherung, ist die Idee des so witzig wie absurden Gangs durch das dunkle Haus. Akustische Geisterbahn. Prädikat: pädagogisch wertvoll. (Noch einmal am 21. 9., 20 Uhr) Barbara Eckle

KLASSIK

Wahlverwandt: das Philharmonia Quartett im Kammermusiksaal

Das Philharmonia Quartett spielt als Rahmenwerke Mendelssohns 2. Quartett und Beethovens sogenanntes „Harfenquartett“. Die Konstellation von mittlerem Beethoven und frühem, aber wiederum am späten Beethoven orientierten Mendelssohn eröffnet einen faszinierenden Beziehungsreichtum, der nicht bei der Verwandtschaft zwischen den beiden Kompositionen endet. So verweisen die das „Harfenquartett“ abschließenden Variationen bereits auf ganz ähnliche Finalsätze von Brahms (etwa in dessen 3. Streichquartett), während die formale Disposition von Mendelssohns Opus 13 mit vorangestelltem Motto und thematischen Querverweisen zwischen den Sätzen in einigen Zügen die 2. Sinfonie Robert Schumanns vorwegnimmt.

Man fragt sich, warum der Funke im Kammermusiksaal dann doch nicht so recht überspringen will. Die Musiker, allesamt Philharmoniker, bestechen durch mustergültiges Zusammenspiel und einen auch noch im Pianissimo glasklar konturierten Klang. Vielleicht wird das Quartett aber schon dynamisch zu stark von der ersten Geige dominiert, und Daniel Stabrawa artikuliert an diesem Abend etwas pragmatisch. Am Ende des ersten Beethoven- Satzes etwa würde man sich wünschen, dass der stets disziplinierte Klang einmal ins Freie ausbricht.

So wird das in die Programmmitte gestellte Quartett von Witold Lutoslawski zum Höhepunkt. Die zunächst unabhängig voneinander notierten Einzelstimmen sind nur an Schnittstellen koordiniert, die dadurch entstehende Komplexität vermittelt aber durchgehend den Eindruck formaler Stringenz und emotionaler Dringlichkeit. Das Philharmonia Quartett spielt das mit Engagement, technischer Virtuosität und souveränem Überblick. Benedikt von Bernstorff

THEATER

Perückenparade: „Fräulein Scuderi“

im Theater an der Parkaue

Paris im 17. Jahrhundert. Der Sonnenkönig vernascht weibliche Schönheiten. Aber in seiner Stadt Paris wird gemordet, erst mit Gift, dann mit geschliffenem Stahl. Juwelen verschwinden, und gerade die nachts zu ihren Gespielinnen schleichenden adligen Jünglinge trifft’s hart: Sie bleiben auf dem Felde der, nun ja, Liebe. Eine Episode aus dieser Zeit erzählt E.T. A. Hoffmann in einer Novelle aus dem Kranz der „Serapionsbrüder“: „Das Fräulein von Scuderi“ (1818). Eine Groteske, eine wüste Fantasterei, in einer Sprache, die Emotionen aufkocht, Tränenströme und Herzenswallungen lustvoll darbietet. Um keinen Superlativ ist der Dichter verlegen, seine Figuren glühen ohne Unterlass – und doch gibt es da ein Versteck für Ironie, für Heiterkeit, für Spott.

Dieses „Versteck“ nutzt Sascha Bunge für die Aufführung einer eigenen Textfassung der Novelle im Theater an der Parkaue. Nichts da von Pracht und hochgeladenem Ambiente. Bunge lässt eine Geschichte wie von heute spielen, allerdings mit lauter putzigen Leuten unter prachtvollen Perücken und, bei den Damen, in feinen Kleidern. Aber die Bühne ist nackt, umstellt von sich drehenden Wänden mit dieser und jener Tür, diesem und jenem Durchschlupf in zwei Etagen (Bühne: Angelika Wedde). Hier wird nichts ernst genommen.

Ein paar hohe, getragene Dialogpassagen lässt Bunge zu, mehr aber setzt er auf genussvoll überzogene Kindereien, besonders um den sexgeilen König (Niels Heuser). Die Figuren bewegen sich zeremoniell, abgehoben, parodierend (Offenbachs Musik weht herein), geben dem Text Kraft und Leidenschaft. Birgit Berthold als Fräulein Scuderi zeigt erstaunliche Würde, Hagen Löwe gibt dem Goldschmied und Mörder Cardillac Geradlinigkeit, Franziska Krol spielt die Kammerfrau Martiniere hinreißend – als Irrwisch mit springlebendigem Bewegungsdrang. Das junge Publikum jubelt. (Wieder am 20. und 27. 9.) Christoph Funke

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