KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

FOLK-POP

Postkarten vom Balkan:

Beirut in der Columbiahalle

Die Ukulele scheint immer noch das Instrument der Stunde zu sein. Man kann damit vorzüglich Klagelieder anstimmen. Zach Condon beherrscht das besonders gut. Er ist Sänger, Multiinstrumentalist und Frontmann der US-Band Beirut. Mit seiner fünf Begleitern und einem aus Posaune, Tuba, Trompeten und Akkordeon bestehenden Instrumentenarsenal tritt er in der Berliner Columbiahalle auf. Wenn Condon – etwa bei „Port of Call“, oder „Postcards from Italy“ – mit dem kleinen Viersaiter und seiner melancholischen Stimme einsetzt und dann die Balkan-Sounds dazukommen, ist jedes zweite Lied ein Hit. Mindestens.

Dabei liefern Beirut vor allem einen routinierten Auftritt ab. Sicher, sie intonieren die Songs perfekt. Aber vielleicht ist die ganz große Bühne – immerhin ist die Halle mit etwa 3000 Menschen ausverkauft – doch ein bisschen überdimensioniert. Im Publikum steht sich die Indie-Gemeinde auf den Füßen, wippt mit, applaudiert. Es entsteht ein bisschen ZDF-Fernsehgarten-Atmosphäre. Kurz wünscht man sich, Beirut auf der abgeranzten Bühne einer rumänischen Dorfkneipe zu sehen. Oder gleich als vagabundierende Straßenmusiker in Osteuropa. Der Abend bringt trotzdem große Momente, etwa bei „Santa Fe“ vom jüngsten Werk „The Rip Tide“ oder „Nantes“ vom Vorgänger. Und immer wieder stimmt Condon seelenvolle Klagegesänge an. Bei Stücken wie „Gulag Orkestar“, wünscht man sich allerdings etwas weniger Routine, mehr Improvisation, Endlosschleifen, Eskapismus! Die Mittel dazu haben Beirut mit ihrer spektakulären Mixtur aus Neo-Folklore, Chanson und Balkan Brass allemal. Jens Uthoff

KLASSIK

Slapstick auf dem Podium: 

Jean-Christophe Spinosi mit dem DSO

Einen Versuch war es vielleicht wert. Dass also der Dirigent Jean-Christophe Spinosi sein Jackett auszieht und wie ein Torero schwingt, während vor ihm das DSO Ravels „Bolero“ spielt. Zwei Drittel der Crescendo- und Klangfarben-Aufbauten liegen hinter dem Orchester, Spinosi hat den „Bolero“ spannungsvoll, ja geladen anfangen lassen und will oder kann sich nun doch nicht der Entäußerung erwehren, die sich mit der erweiterten Besetzung einstellt. Oder die Mezzosopranistin Malena Ernman (brillant in den barocken Koloraturpassagen, wegen fehlender Randschwingungen keine gute Besetzung für Berlioz’ „Le spectre de la rose“), die zu den Versen „Für dich werfe ich Schild und Harnisch auf den Boden“ aus Vivaldis „Orlando furioso“ ihre Pumps auf das Bühnenparkett der Philharmonie wirft, überhaupt, die technischen Über-Anforderungen der Barockarien in eine Körpersprache übersetzt, die hart an Slapstick grenzt. Und dann das Programm, das umstandslos vom 18. Jahrhundert zu Debussy, Berlioz und Ravel übergeht! Eine Versuchsanordnung also, mit mehreren Ergebnissen: Das Publikum liebt Ernman. Roman Lepper an der Trommel lässt sich im „Boléro“ nicht beirren; der Dirigent dankt es ihm, indem er ihn als letzten der Orchestersolisten ins Applaus-Licht rückt. Die Streicher spielen Händels „Ombra mai fù“ wunderbar verwunschen, die Bläser bieten einen fantastischen Beginn von Ravels „Pavane“. Spinosi schließlich springt zwischen messerscharfer Vorgabe und Hang zur Versenkung, hat aber eine gute Zeit mit dem DSO.Christiane Tewinkel

FILMMUSIK

Wolken über „Solaris“: ein

Klangexperiment in der Volksbühne

Wirklich brutal ist Musik, die sich richtig im Kopf festsetzt, ganz ruhig, langsam fließend, zerbrechlich und eigentlich nicht für die Aufführung in dieser schnöden Welt gedacht. Eine Musik, die auf nichts mehr hinauswill, nur tiefer hinein in das Dröhnen und Rauschen, bis das Bild einer Zwischenwelt voller Zwielicht und Nebel entsteht. Dies könnte der passende Soundtrack zum Untergang der Titanic sein, wenn die Titanic ein Raumschiff wäre, das langsam im Ozean des Planeten Solaris versinkt, denn tatsächlich haben wir es hier mit einer Komposition zu tun, die sich der australische Klangkünstler und Drone-Metal-Spezialist Ben Frost mit seinem isländischen Kollegen Daniel Bjarnason anlässlich des 50. Geburtstags von Stanislav Lems vielschichtigen Roman „Solaris“ ausgedacht hat.

1972 wurde der Science-Fiction-Klassiker von Andrej Tarkowski verfilmt. Dessen fesselnd um das Thema Schuld kreisende Langatmigkeit kommt auch beim Konzert in der Volksbühne zum Tragen, wenn die Musiker der Sinfonietta Cracovia – 21 Streicher und zwei Schlagwerker – dunkle Klangwolken produzieren und sich dabei so langsam strecken wie bei schwierigen Gymnastikübungen. Dazu flimmern von Brian Eno und Nick Robertson manipulierte Filmbilder aus Tarkowskis Meisterwerk über die Leinwand, die leider etwas langweilig geworden sind. Frost brummt mit der Stromgitarre und Bjarnason scheppert am präparierten Klavier verschwommene Melodien von neutraler Schönheit. Die Klänge laden zum Abdriften ein und kommen der Stille nahe, bevor sie sich zum aufbrausenden Crescendo steigern. Eine Musik mit oft atemberaubender Dichte, die einen für 45 Minuten auf den Planeten Solaris beamt, wo ein „lebendiger“ Ozean in den schlimmsten Träumen der Kosmonauten liest und diese Wirklichkeit werden lässt. Danach ist man nicht mehr in der gleichen Welt wie vorher. Aber das fällt erst hinterher auf, wenn man aus dem Traum erwacht, und einen das Orchester mit Stücken von Penderecki, Gorecki und Pärt auf die Erde zurückholt. Volker Lüke

0 Kommentare

Neuester Kommentar