KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Claudia Wahjudi

KUNST

Kummerkiste: Installationen zum Thema Burn-out in der NGBK

Nach seiner Medienkarriere ist das Thema Burn-out nun in der Kunst angekommen. Die Neue Gesellschaft für bildende Kunst (Oranienstr. 25, bis 14. Oktober, Mo–Mi 12–18 Uhr, Do–Sa bis 20 Uhr) zeigt die Gruppenschau „A Burnt-Out Case?“ mit Beiträgen von zwölf meist Berliner Künstlern, die abstecken wollen, was zwischen Leistungsdruck und Muße möglich ist. Es geht um Kindersport, kollektive Gefühle, Wellnesskultur und Überforderung. So hat Gesa Glück die sehr simple „Burnout-Box“ aufgestellt, eine Rückzugskiste für Überlastete, die in einem Workshop von Besuchern nachgebaut und dann auf der Straße ausgesetzt werden soll. Wie eine aufwendige Etüde wirkt das, und über diesen Status kommen etliche Arbeiten nicht hinaus. Doch merkwürdigerweise berühren ausgerechnet jene am stärksten, deren Form seit Jahren eingeführt ist und daher keine Aufmerksamkeit mehr absorbiert. Zum Beispiel Linda Weiss’ Flachbildschirme, über die schriftliche Anweisungen laufen, wie sie sich wohl viele Menschen täglich in Gedanken geben: Hab Spaß, triff deine Freunde, arbeite an dir ... Die Besucher können weitere Sätze vorschlagen. Den Gegenpol verkörpert Kaoru Hirano, die während der ganzen Ausstellung mühselig Fäden aus dunklem Stoff zieht und dann im Saal aufhängt. Beide Arbeiten zeigen das „erschöpfte Selbst“ an wunden Punkten: seinem Selbstoptimierungswahn und seinem ungestillten Bedürfnis nach meditativer Versenkung. Claudia Wahjudi

ROCK

Wüstengrüße: Calexico in

Huxley’s Neuer Welt

Konzerte in Berlin waren für Calexico, das exquisite Musikerkollektiv um Joey Burns und John Convertino aus Tucson, Arizona, schon immer wie Heimspiele. Hier sitzt ihre europäische Plattenfirma, hier lebt ihr formidabler Trompeter und Multiinstrumentalist Martin Wenk, hier hatte die Band von Anfang an eine Menge Freunde und Fans. Und hier waren ihre Auftritte seit den neunziger Jahren schon immer drängelig voll – vom intimen Wohnzimmerkonzert bis zu den großen Hallen. Diesmal ist das Huxley’s seit Wochen ausverkauft. Wiedersehensfreude und Jubel sind überwältigend. Spätestens wenn die Mariachi-Trompeten ihren dramatisch feierlichen Glanz in den Saal strahlen, sind alle hin und weg und schlingern in den Hüften zum dichten staubigen Wüstenklang der mexikanisch-amerikanischen Grenze: „Across The Wire“.

Dabei hatte der Auftritt ganz ruhig begonnen, in kleiner Triobesetzung, mit folkig schrammeliger Akustikgitarre, rascheligen Schlagzeugbesen und brummeligem Kontrabass. Die hübsche Ballade „Fortune Teller“ stammt vom neuen Album „Algiers“, das Calexico mal nicht in der Wüste, sondern in New Orleans aufgenommen haben. Inspirierend scheint die musikalische Farbigkeit und Vielfalt der europäischsten amerikanischen Stadt allemal gewesen zu sein. Dann rocken sie los mit kompletter Mannschaft: Trompeten, Tasten, Gitarren, Vibraphon, Akkordeon. Fliegende Wechsel. Es rattert und rollt mächtig voran. „Splitter“. Der Spanier Jairo Zavala zersplittert hübsche Country-Licks auf der Telecaster, schlittert über die Lapsteel. John Convertino klappert große Ideen ins kleine Schlagzeug lässig aus den Handgelenken. Lässt Hölzchen, Stöckchen, Besen tanzen, kippt unorthodoxe Beats seitlich in die Snare, erzeugt Spannung durch weggelassene Schläge. Joey Burns streckt und zieht melancholische Gesangsmelodien mit dezentem Tremolo. Mit Laura Gibson, die schon im Vorprogramm brilliert hatte, singt er in betörendem Duett Leonard Cohens „Waiting For A Miracle“. Vor fünf weiteren Zugaben. Heimspiel. H. P. Daniels

KUNST

Geistertulpen: Unrealisierte Projekte in der daad-Galerie

Von den leeren Räumen sollte sich niemand abschrecken lassen. In der daad-Galerie hängt die Kunst diesmal nicht an der Wand, sondern schlummert zwischen Aktendeckeln. „Agency of Unrealized Projects“ wurde initiiert von Hans Ulrich Obrist und sammelt unverwirklichte, unvollkommene oder gescheiterte Ideen (bis 20.10. Zimmerstr. 90, Mo–Sa 11–18 Uhr). Besucher können in einem Register Künstlernamen oder Themen wählen und sich den entsprechenden Archivschuber aushändigen lassen. Belohnt wird die Mühe mit einem Reichtum an Gedanken, auch wenn diese mitunter versandet sind. Manchmal scheinen die Ideen auch nicht ganz ernst gemeint zu sein. So wollten die Brüder Jake und Dino Chapman unter dem Zeichen „Bureau de Change“ eine Selbstschussanlage installieren, die 24 Stunden am Tag auf Touristen zielt. Manchmal taugt die Idee, aber der Ort stimmt nicht. Jimmie Durham wollte weiße Plakatwände beleuchten und an der Straße aufstellen. Er entwickelte das Projekt für die leeren Landstraßen Irlands. Kaum jemand hätte die Intervention gesehen. Isa Genzken schlug vor, 30 Meter hohe Stahltulpen vor die Tore Amsterdams zu pflanzen, die Stadt fühlte sich auf den Arm genommen. Der Reiz der Ausstellung besteht jedoch gerade darin, dass sich die Ideen nicht materialisiert haben. Unverwirklicht flüstern sie ihr Versprechen. Simone Reber

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