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KLASSIK

Schrill : Cameron Carpenter eröffnet die Orgel-Saison der Philharmonie

Lange staubte sie still vor sich hin, die Karl-Schuke-Orgel unter dem Zeltdach der Philharmonie. Jetzt erstrahlt sie rundum erneuert, akustisch aufgerüstet, mit einem rechnergestützten Spieltisch ausgestattet – und harrt eines echten Herausforderers. Cameron Carpenter ist angetreten, um die Orgel dem Zwang zum Dienen zu entreißen und die Königin der Instrumente in eine permanente Grenzüberschreiterin zu verwandeln. In Glitzerleggings und Glasabsatz schwingt er sich auf die Holzbank, lässt seine Tänzerbeine über die Pedale eilen und nimmt sich erstmal den Bach vor. Unverdächtig jeglicher Demut fragmentiert Carpenter, Jahrgang 1981, das ehemals so unangreifbare Klangbollwerk. Aus dem Festspeicher schießen pausenlos Registerwechsel in die aufgerissene Flanke der Musik. Eine Gottesaustreibung unter Zuhilfenahme von Quietscheentchentönen.

Derart befreit, scheut sich Carpenter dann nicht mehr, sein Herz zu öffnen. Die Uraufführung seiner „Science Fiction Scenes“ verwandeln die Akustiksegel der Philharmonie in fliegende Untertassen, das Saallicht in den Abglanz ferner Galaxien. Tim Burton würde weinen vor Glück. Die Musik schwillt und schimmert, die sechziger Jahre leben fort, kopfstehend, irgendwo da draußen. Auch bei seiner Ives-Bearbeitung baut Carpenter keinerlei Widerstände auf, meißelt gekonnt die Beethoven-Bezüge heraus und mischt glucksende Klänge in die Idylle von „The Alcotts“. Nach einer kurzen Ansprache über tödlichen Akademismus stürzt er sich in Liszts gewaltige Orgelfantasie, free handed: ein Dialog zwischen gleichgesinnten Zauberern. Atemberaubende Zugaben folgen. Lange Nacht, volle Dröhnung. Ulrich Amling

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