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KUNST

Aufgewühlt: Cyprien Gaillard

im Schinkel-Pavillon

Zehn abgestoßene Zähne von Schaufelbaggern präsentiert der französische, in Berlin lebende Künstler Cyprien Gaillard wie Faustkeile in Vitrinen. Schmal oder gegabelt, als Bohrspitze oder Spaten geformt sehen diese „Excavators“ aus wie die Zahnstummel gieriger Riesenechsen. „What it Does to Your City“, heißt Gaillards Ausstellung im Schinkel Pavillon: Was es mit deiner Stadt macht. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf den archaischen Trieb des Menschen, die Erde umzugraben (Oberwallstraße 1, bis 21. Oktober, Do–So 12–18 Uhr).

Durch die Fenster sind ringsum Baustellen zu sehen. Schon Walter de Maria, ein Großer der amerikanischen Minimal und Land Art, hatte 1968 über „The Color Men Choose to Attack the Earth“ nachgedacht. Mit welcher Farbe greift der Mensch die Erde an? Gelb steht für das schwere Gerät. Sonnenfarbene Caterpillars raupen sich durch den Sand. Rosa Rohre leiten das Abwasser überirdisch weiter. Mitten in diesem aufgewühlten Flecken Stadt wirkt der Schinkel-Pavillon wie ein zerbrechliches Kleinod.

Cyprien Gaillard, im letzten Jahr mit dem Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst ausgezeichnet, interessiert sich für die Verschränkung von Vorzeit und Gegenwart. So energisch wie präzise verdichtet er die archäologischen Schichten, stellt eine eherne Ordnung her und führt zugleich den Berliner Baueifer ad absurdum. An jeder Grube, die ein Bagger aushebt, hat ein Haus gestanden. Graben und mauern wird zum ewigen Kreislauf. So verschiebt sich das Gefüge der Stadt, wohin, weiß keiner. Wer den Pavillon verlässt, läuft gegen einen Bauzaun. Simone Reber

JAZZ

Kontrollierte Ekstase: Takase

und Schlippenbach im A-Trane

Ob nun ihre Duo-CD mit Lauren Newton, „Spring in Bangkok“ (2006) oder ihr Trio mit Reggie Workman und Sunny Murray, „Clapping Music“ (1993) – viele Projekte, die Aki Takase in den vergangenen 20 Jahren begonnen und viele Aufnahmen, die sie gemacht hat, fanden im Jazzclub A-Trane statt. Ähnlich ist es bei ihrem Ehemann Alexander von Schlippenbach, der hippe bunte Plakate drucken ließ, um auf die Aufnahmen zu „Monk’s Casino“ hinzuweisen, die vor acht Jahren im A-Trane über die Bühne gingen und in Form einer 3-CD-Box mit dem 59 Stücke umfassenden Gesamtwerk von Thelonious Monk zu einem Bestseller der improvisierten Musik avancierten. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des Jazzclubs in der Bleibtreustraße kamen Takase und Schlippenbach, inzwischen weltweit gepriesene Klaviervirtuosen, jetzt zu einer Doppelvorstellung ihrer aktuellen Musik.

Bei Takase, die mit ihrem langjährigen Duo-Partner Rudi Mahall den Teil des Konzertabends bestritt, sind das eigene Kompositionen wie „Hinter meinem Rücken“ oder Mahalls „Trompete für Anfänger“, dem Berliner Improvisator Axel Dörner gewidmet – kleine Glanzstücke, die sich mit den alten berühmten Melodien eines Duke Ellington zu jenen radikalen wie wunderbaren Traumbildern verbinden, von denen Takases Kollegin Yoko Tawada einst schwärmte.

Im zweiten Set war Monks Universum ein Bindeglied für das grandiose, hochkonzentrierte Schlippenbach Quartett mit Christian Lillinger, Henrik Walsdorff und Antonio Borghini. Schlippenbach, der gerade mit dem Solo-Album „plays Monk“ sein bisheriges Lebenswerk gekrönt hat, brilliert in seinem Jubiläumsbeitrag mit einer fein nuancierten Klangcollage aus transformierter Romantik und zukunftsweisender Jazzästhetik. Christian Broecking

KUNST

Hausgäste: Fünf Künstler gestalten die Villa Schöningen

Grenzen trennen. Aber sie animieren auch zur Überschreitung. In der Potsdamer Villa Schöningen, nur einen Steinwurf von der einstigen deutsch-deutschen Grenze an der Glienicker Brücke entfernt, proben Künstler den kleinen Grenzübertritt, den Wechsel zwischen den Sparten Kunst und Design (Potsdam, Berliner Straße 86, bis 6. Januar, Do / Fr 11–18 Uhr, Sa / So 10–18 Uhr). Ina Grätz, die das Haus seit Jahresbeginn leitet, war zuvor Kuratorin für Design am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Sie hat fünf Künstler eingeladen, die Räume des von Ludwig Persius entworfenen Wohnhauses einzurichten. Mit der Ausstellung „Grenzgänge“ gewinnt die elegante Villa immer dann an Charakter, wenn die Künstler der harmonischen Architektur ihre kraftvolle Widerspenstigkeit entgegensetzen.

Max Frisinger baut Skulpturen aus Heizkörpern. Der 32-jährige Shooting Star der Hamburger Kunstszene zerschlägt die Rippen, zertrümmert den Lack, bricht den Körpern das Rückgrat und poliert die überstehenden Metallspitzen blank. Doch nach dem Gewaltakt wirken die plumpen Objekte federleicht, als könnten sie sich mit ihren zerzausten Flügeln sofort in die Luft erheben. „Birdy“ heißt eine Skulptur.

Spektakulär auch die Malerei von Katharina Grosse, die zuletzt die Grenzen der Leinwand gesprengt und ihre Bilder in den Raum gestellt hat. Hier bleibt sie im konventionellen Format, dafür reißt die Oberfläche auf, Fetzen von Farbe wehen über das Bild wie ausgerissene Plakatstreifen. Der Wechsel zwischen Verdichtung und Transparenz reizt die Neugier. Bricht die glatte Haut der Farbe auf oder flattern Bänder darüber? Die Fläche hat die Perspektive geschluckt und damit die Abgrenzung aufgehoben.

Das Spiegelkaleidoskop von Olafur Eliasson dagegen vervielfältigt den Blick. Der knorrige Tisch, für den Eliasson einen krummen Stamm auf Polyeder gelegt hat, bleibt Design, sein Werk wird dafür um eine Nuance Unberechenbarkeit bereichert. Bei Anselm Reyle geht die Rechnung nicht auf. Der Entwurf eines Folienkleides für Dior, an eine Puppe drapiert, doppelt die Gefälligkeit der Umgebung. Und Tobias Rehbergers Turm, der wohl als Schattenspiel gedacht ist, steht hier vor dem Fenster und wirkt wie ein Rückgriff auf die zwanziger Jahre. Die klassische Architektur des Hauses scheidet überraschend streng Eigensinn von Beliebigkeit. Die Räume der Villa Schöningen ziehen eine feine Linie – überschreiten erlaubt. Simone Reber

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