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KLASSIK

Doppelt gut: das Klavierduo Naughton im Kammermusiksaal

Marketingtechnisch besitzen Klavierduos aus Zwillingen sicher einen Bonus. Aber während bei gewöhnlichen Duos die schier unlösbare Aufgabe, sich in einen fremden Partner hineinzuversetzen und ihn zu imitieren, automatisch für eine gesunde musikalische Grundspannung sorgt, ist bei Zwillingen die Gefahr viel größer, über der Einfühlung in den anderen die eigene Individualität zu verleugnen oder es sich in der Komfortzone der Synchronität bequem zu machen.

Doch die 24-jährigen Zwillingsschwestern Christina und Michelle Naughton haben die künstlerischen und menschlichen Klippen ihrer professionellen Duoexistenz souverän umschifft – und so wird ihr „Debüt im Deutschlandradio“-Auftritt im Kammermusiksaal zu einem ungeteilten Vergnügen (Konzertübertragung am 28. 9. um 20.03 im Deutschlandradio). Salonhafte Leichtigkeit, klar gezeichnete Emotionen, katzenhafte Virtuosität und Witz prägen ihren Stil, was Mendelssohns vierhändigen Variationen op. 83a ebenso zugute kommt wie Brahms’ Haydn-Variationen in der Fassung für zwei Klaviere oder den travestierten Tänzen im Stile lateinamerikanischer Komponisten des 19. Jahrhunderts von William Bolcom.

Zum Höhepunkt des Abends wird Mozarts D-Dur Sonate für zwei Klaviere: War zuvor noch eine leichte Rollenverteilung zwischen der etwas forscheren Michelle und der introvertierteren Christina spürbar, springen beide hier über den letzten Zipfel ihrer Schatten und bieten, die ureigene Individualität des Partners in stetigem Wechsel aufnehmend, spiegelnd und steigernd ein musikalisches Vexierspiel, das selbst die Zwillinge im Publikum frappiert. Carsten Niemann

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Falscher Jubel: das Orchester Charkow im Konzerthaus

Klar, wenn sich die Capulets und die Montagues bekriegen, fliegen die Fetzen. Aber muss man deshalb das Streit-Thema aus Tschaikowskys „Romeo und Julia“ derart stählern, hemdsärmelig, grobschlächtig aufführen wie das Sinfonieorchester aus Charkow im Konzerthaus? Zum Glück spielen die Charkower unter ihrem Chefdirigenten Yuriy Yanko nur diese Passagen derart plärrend, pauken- und blechverliebt. Das Liebesthema und der Choral Pater Lorenzos gelingen hingegen verführerisch, zart, sehnsuchtsdurchzogen.

Kurt Sanderling leitete ab 1939 drei Jahre dieses Orchester, das jetzt zur Hommage an den 2011 Verstorbenen nach Berlin kommt – mit einem rein russischen Repertoire. Vadim Repin spielt Prokofjews 2. Violinkonzert seltsam dürr, saft- und kraftlos, zwar mit viel gestischem Aufwand, aber wenig prägnant, gestaltlos, undifferenziert, in der virtuosen Quasi- Solo-Passage am Ende scheint er sogar rauszufliegen. Ist der Abend noch zu retten? Er ist es. In seiner 6. Symphonie – Sanderling hat sie nach der Leningrader Uraufführung als Zweiter dirigiert – schmeißt Schostakowitsch die Brocken der Tradition den Parteifunktionären vor die Füße. Der unerhörte langsame Kopfsatz dekliniert alle Schattierungen von Schwarz durch: Musik ohne Weltvertrauen, abtastend, melancholisch. Die Charkower spielen jetzt mit einer wesentlich raffinierteren dynamischen Mischung, auch im überhitzten Allegro- und wild gewordenen Presto-Satz. Und zeigen dabei: Es ist, wie so oft bei Schostakowitsch, ein falscher Jubel. Udo Badelt

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