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KLASSIK

Bewegend: Feierstunde

für Menahem Pressler

„Lobt Gott, dass wir diesen Tag erreicht haben“ - so zitiert ein zierlicher alter Herr am Rednerpult im Bundeshaus Berlin ein altes jüdisches Gebet. Der Tag, an dem Menahem Pressler die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen wird, kann die Tage, an denen dieses Gebet Überlebenshilfe war, nicht auslöschen. Wohl aber als Glückstag gelten, an dem der legendäre Pianist dem Land, das ihn einst vertrieb, die Hand zur Versöhnung reicht.

Glück ist, so seltsam es scheint, ein zentraler Begriff im Leben des Menahem Pressler. 1923 in Magdeburg als Sohn eines jüdischen Textilhändlers geboren, musste er mit 15 Jahren über Italien nach Palästina fliehen. Dort fand die erste musikalische Ausbildung statt. Doch die eigentliche Bestimmung des jungen Pianisten lag in der Kammermusik: eher ein Zufall war auch die Gründung des Beaux Arts Trio, das vor allem im Bereich der Wiener Klassik über fünf Jahrzehnte unverrückbare Maßstäbe gesetzt hat.

Zur letzten Besetzung gehörte der Geiger Daniel Hope, auch er mit jüdischen Wurzeln, der Pressler in dieser Feierstunde mit bewegt-launigen Worten für menschliches und musikalisches Vertrauen dankt. Verschmitzter Humor der beiden Geistesbrüder blitzt auf, wenn Hope die Odyssee durch den Dschungel deutscher Verwaltungsbürokratie mit einer skurrilen Jagd am Tegeler Flughafen nach der korrekten Bordregistrierung vergleicht.

Der 88-jährige Pressler, der einen Großteil seiner Familie in Auschwitz verlor, sagt zum Schluss: „Es ist mir nicht gestattet, zu verzeihen, weil ich die Vernichtung nicht selbst erlebt habe, aber es ist mir auch nicht gestattet zu vergessen.“ Die Dankbarkeit, mit der er die liebevolle Aufnahme in seinen „drei Heimaten“ Israel, USA und Deutschland erwähnt, wiegt da umso schwerer. Isabel Herzfeld

NEUE MUSIK

Brutal: Nordlichter-Festival

im Radialsystem

Zwei ausgedehnte Schreie bestimmen den Auftakt des Nordlichter-Festivals im Radialsystem. Der erste, bei dem es sich um die Uraufführung von Timo Kreusers „Screams“ handelt, will jedoch nicht recht berühren. Packend dagegen ist die Wehklage, die Klaudia Kidon im Konzert des DR Danish National Vocal Ensembles unter der Leitung des schwedischen Dirigenten Olof Boman zum Himmel schickt. Wobei die Wirkung weniger in der Qualität von Thomas Jennefelts „Dixit Dominus“ als in ihrem aktuellen Kontext liegt. Mag seine Haltung auch poppig sein und seine Klangsprache nicht weit über Hindemith hinausgehen: Dass er den 110. Psalm mit dem Aufruf Papst Urbans II. zum ersten Kreuzzug kombiniert, die biblischen Worte als potentielle Hasspredigt entlarvt und beides in Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica stellt, ist eine Botschaft, die sitzt. Dass man danach nicht versucht ist, selbst Monteverdis „Dixit Dominus“ auf den Index setzen, ist Olof Boman zu verdanken: Mit klugem dramaturgischen Blick und präzise gezeichneter Emotion sorgt er dafür, dass zwischen dem kriegerischen Psalm und dem anschließenden Gloria ein Wechsel der inneren Haltung zu spüren ist. Carsten Niemann

ROCK

Breit: Gallon Drunk

im Cassiopeia

James Johnston reckt die Gitarre wie eine Trophäe gen Decke. Graue Strähnen hängen ihm im Gesicht. Seine schwarze Vintage ist an den Seiten mit Gaffa Tape geflickt. Zu seinen Füßen liegt eine kleine Wodkaflasche. Johnston schlägt ein Riff an, nölt ins Mikro: „Tell the world I’m fine“. Dann breiter Orgelsound, ein fiepsiges Saxofon dazu. Es folgt eine dreiminütige Blues-Rock-Freejazz-Orgie.

Es ist eine 90 Minuten währende Wohltat, der Londoner Band Gallon Drunk im Cassiopeia zuzuhören. Viele ältere Männer sind gekommen, auf der Bühne spielen ebenfalls Männer im fortgeschrittenen Alter. Etwa die Hälfte der Stücke, die Gallon Drunk servieren, sind vom frisch veröffentlichten Album „The road gets darker from here“. Alte Hits werden zwischendurch eingestreut. Johnston tobt sich mit bluesigem Gitarrenspiel aus, Saxofonist Terry Edwards steuert jazzigere Klänge bei. Ian White trommelt unkonventionelle Rhythmen, dominiert ganze Passagen nur mit Tomtoms. Vor ihm arbeitet sich Edwards an Sax, Keyboard und Maracas ab. Ein knarzender Bass unterlegt das Ganze. Über allem thront der düstere, tiefe Gesang Johnstons.

Gegen kurz nach zehn fordert die Menge vehement eine zweite Zugabe. Dass es die nicht gibt, ist dann auch schon die schlechteste Nachricht des Abends. Aber ältere Männer wollen gerne auch mal etwas früher nach Hause. Jens Uthoff

FILM

Bräsig: „Speed“ – die Doku

von Florian Opitz

Keine Zeit zu haben, ist der gesellschaftliche Normalzustand. Woher kommt die Beschleunigung unserer Existenz, und was macht sie mit uns? Warum muss der Dokumentarfilmer Florian Opitz durchs Berliner Großstadtleben hetzen und aus dem Off seufzen: „Meine Erfahrung mit der Zeit beschränkt sich nur auf das eine Gefühl: Sie fehlt“? Immerhin, ein schöner Recherche-Ausgangspunkt. In der Suche nach Erklärungen landet Opitz beim Zeitmanagementpapst Lothar Seiwert, der salbungsvoll Plattitüden zur Prioritätensetzung verbreitet. Ein Fachtherapeut attestiert dem Filmemacher ein beginnendes Burn-Out-Syndrom, und ein Zeitforscher erklärt ihm den Unterschied zwischen dem Rhythmus der Natur und dem Takt der Maschinen. Letzterem habe der Mensch sich zu sehr angepasst.

Auszuhalten sind derlei Befunde über das Leben auf der Überholspur wohl nur, indem Opitz bei entschiedenen Entschleunigern Station macht. Ein Investment-Banker taktet sein Leben als Hüttenwart in den Schweizer Alpen neu ein, der frühere „Esprit“-Chef steckt Firmenmillionen in den Bau eines Naturparks in Patagonien. Schade, dass Opitz sich in seinem thematisch verdienstvollen Dokumentarfilm „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ überwiegend selbst inszeniert. Und statt tiefer in die auf der Hand liegende Kapitalismuskritik einzusteigen, schwenkt er viel zu früh in die bloß idyllische Auspinselung der Alternativen zur geschwindigkeitssüchtigen Gesellschaft über. Auch die Moral – entschleunigen muss jeder sein Leben selber – hat man schon vorher geahnt (Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei und Moviemento). Martin Schwickert

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