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KLASSIK

Feinsinnig: Michael Sanderling

mit dem Konzerthausorchester

Zum Abschluss der Hommage zu Kurt Sanderlings 100. Geburtstag leitet der jüngste seiner drei dirigierenden Söhne, Michael, ein Konzert mit Werken der Früh- und Hochklassik. Dessen unaufwendige Schlagtechnik, die Abwesenheit von Eitelkeit und Sentimentalität, die Hinwendung zum Detail erinnern an den Vater. Aber während dieser, wie man aus der Festschrift erfährt, über die „historische Aufführungspraxis“ nur den Kopf schüttelte, ist Michael Sanderling unüberhörbar bei ihr in die Schule gegangen.

Das Konzerthausorchester spielt mit scharfen Punktierungen, verzichtet fast ganz aufs Vibrato und vermeidet jede Andeutung eines „Mischklangs“, indem die Instrumentalfarben deutlich voneinander abgesetzt werden. So wird der Augenblick, in dem das Fagott im zweiten Satz der Haydnsinfonie sanft in den Streicherklang einstimmt, zum Ereignis; zumal er an das Fagottkonzert Mozarts anknüpft, das Michael von Schönermark mit unerschöpflichen Reserven gerade im tiefen Register vor der Pause interpretiert hat. Das demonstrativ unspektakuläre Programm skizziert mit Werken von Benda und Boccherini den Weg von der dreisätzigen Sinfonia zur viersätzigen Sinfonie, für die Haydns letzter Beitrag zu Gattung einsteht. Haydns 104. Sinfonie wird hier einmal nicht als Einspielstück vergeudet, sondern, wie es das Meisterwerk verdient, an den Schluss gesetzt. Der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie entwickelt den langsamen Variationensatz ganz aus einer fein ausgehörten Dramaturgie der Klangfarben; wie er Nebenstimmen und Motiventwicklungen ans Licht hebt, ist außerordentlich. Benedikt von Bernstorff

KUNST

Raffiniert: Schinkels Bilderrahmen

in der Gemäldegalerie

Karl Friedrich Schinkel hat derzeit in Berlin Hochsaison. Schnell übersehen wird dabei die kleine Schau „Goldene Leisten – Schinkel rahmt Bilder“ (bis 6.1., Di-So 10-18, Do 10-22, ab 1.11.: Do bis 20 Uhr). Die Studioausstellung des Kupferstichkabinetts im Kabinett der Gemäldegalerie zeigt Rahmen, die Schinkel entworfen hat. Als er 1822 den Auftrag zum Bau des Alten Museums bekommt, ist er auch für die Innenausstattung zuständig. Er hat nur drei Jahre Zeit – für 600 Rahmen. Schinkel passt jeden Rahmen der Epoche des Bildes an, das er schmücken soll. Für Raffaels „Madonna Colonna“ imitiert er die raffinierten Schnitzereien der Renaissance. Zudem erfindet er ein zeitsparendes Baukastensystem, bei dem die Leisten für den Rahmen vorgefertigt und epochentypische Innenteile und Verzierungen hinzugefügt werden. Für die Gotik ist das der eingelassene Spitzbogen, der dem Rahmen eine typische Form gibt. Schinkels Zeichnungen der Rahmen beeindrucken durch die scheinbar mühelose Strichführung. Auch bei komplizierten, prunkvollen Entwürfen verliert er nie das Praktische aus den Augen, erleichtert den Hoftischlern die Arbeit, indem er das Rahmenprofil farblich abgesetzt zeichnet.

200 der 600 Rahmen sind in Ausstellungen und Depots der Staatlichen Museen vorhanden, einige hängen in der Gemäldegalerie. Als Wilhelm Bode 1890 deren Direktor wurde, ließ er die „Schinkelrahmen“ gegen Rahmen aus den jeweiligen Epochen austauschen. Zum Glück sind einige jetzt wieder zu sehen – sie verstärken den Eindruck, dass Schinkel wirklich alles konnte. Annika Brockschmidt

KLASSIK

Betörend: Andrew Manze mit

dem DSO in der Philharmonie

Interessant, wenn die Streicher einmal ganz unter sich sein dürfen. Zu ihnen gehören zum Konzertauftakt in der Philharmonie nicht nur die Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässe des Deutschen Symphonie Orchesters, sondern auch der Dirigent Andrew Manze. Er, der in seiner ersten Karriere als Barockgeiger bisweilen die Grenze zur Hyperaktivität überschreitet, wirkt bei der dirigierenden Auseinandersetzung mit Gravyna Bacewicz’ Konzert für Streichorchester von 1948 endlich einmal gut ausgelastet: Er baut einen intensiven Spannungsbogen durch das neoklassische Werk auf und lässt die Streicher auf dem Weg in all den differenzierten Farben leuchten, die ihm seine Fantasie und sein Know-How eingeben.

Was aber, wenn zu den Streichern die Bläser und mit dem betont ruhigen und gelassenen Solisten Paolo Mendes ein ganz anderer Musikertypus hinzutreten? Zumal Manze auch seine zweite Kernkompetenz ausspielt – das Wissen, wie man im Geiste der historischen Aufführungspraxis die gesamte Gedankenfülle von Mozarts Begleitungen plastisch nach außen kehrt. Mendes, Solohornist des DSO, macht Manze nicht jeden tiefen Seufzer, nicht jede neckische Phrasierung nach – und ist dem Geschehen mit seinem noblen, virtuosen und insbesondere in der Höhe betörend anpassungsfähigen Ton so verbunden, dass sich Quirligkeit und Ruhe, Detailfülle und große Linie zu einer neuen Einheit verbinden. Carsten Niemann

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