KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Borstig. Simon Hartmann. Foto: A. Berry
Borstig. Simon Hartmann. Foto: A. Berry

THEATER

Mit Marschgepäck: „Kriegsbraut“ im Heimathafen Neukölln

Von Krieg keine Rede. Seit über zehn Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Aber dass am Hindukusch deutsche Soldaten kämpfen, töten und sterben, ist hierzulande kaum Thema, nur vereinzelt in der Kunst. Eine breite Mehrheit hält sich den Waffengang schweigend vom Leib. Dirk Kurbjuweit, „Spiegel“-Journalist und Schriftsteller, hat mit seinem Roman „Kriegsbraut“ den Suchscheinwerfer auf diese Dunkelzone bundesrepublikanischer Realität gerichtet. Und es geschafft, die ethischen Konfliktfelder von Kunduz und Kabul mit literarischer Präzision zu erhellen. Noch dazu aus weiblicher Perspektive.

Im Studio des Heimathafens Neukölln bringt Regisseurin Nicole Oder „Kriegsbraut“ in eigener Fassung auf die Bühne (wieder 17. und 18. Oktober). Die Einheit von Esther Dieffenbach (Katrin Hansmeier), Fernmelderin aus Rügen, wird nach Afghanistan verlegt. Dort ist die junge Frau mit der Ödnis des Alltags konfrontiert, Kurzweil bringen nur die Gespräche mit Stubengefährtin Maxi (Tanya Erartsin), die als Spezialistin für Kampfmittelbeseitigung von Streubomben in Schnellkochtopfgestalt erzählt. Sie schärft der Freundin ein: „Es gibt keine Unschuld in Afghanistan“.

Esther soll bald den Kontakt zu einer Dorfschule für Mädchen halten. Zum Direktor Mehsud (Sinan Al-Kuri), einem Mann mit weitem Horizont, fühlt sie sich über alle Kulturgräben angezogen, die beiden verlieben sich. Er fordert sie zum Tanz auf, Walzer. Die Musik haben die Taliban dem Land ausgetrieben, also wiegen sich die beiden in der Stille. Eine Szene, die schon im Roman staunenswert sicher die Tretminen von Kitsch und Kolportage umgeht. Und die auch im Stück eher surreal als gefühlig anmutet. Ein einsamer Moment der Vertrautheit.

Ein Sandhaufen auf karger Bühne (Ausstattung: Stephan Fernau), mehr braucht es nicht, um die Schauplätze zu markieren. Die Regisseurin hat den Roman sehr verdichtet und manche Kontraste gestrichen, etwa Esthers Rückkehr inmitten des Schwarz-Rot-Geil-Taumels der Fußball-WM. Manchmal wirkt es, als würden die Darsteller – die an der Inszenierung beteiligt waren – bepackt mit dem Marschgepäck der Moral durch die zentralen Konfliktzonen hetzen. Aber das Ensemble, auch Musiker Daniel Mandolini, ist dann doch wieder drängend präsent, zieht in den Bann. Und das Dilemma, auf das Kurbjuweit zielt, wird ja deutlich: wer sich an einem Krieg beteiligt, macht sich schuldig. Wer es unterlässt, möglicherweise auch. Patrick Wildermann

NEUE MUSIK

Mit Zahnbürsten: „Zero Time“

im Radialsystem

Eine leere Fläche, unbespielt, wüst, öde, bereit zu empfangen, wie ein frisches Blatt Papier, auf das ein Kalligraf das erste Schriftzeichen setzt. So beginnt die Aufführung „Zero Time“ des Komponisten Christian Kesten im Radialsystem. Jemand trägt einen Stuhl hinein, dann einen zweiten, in anderer Farbe, der erste muss wieder raus. Plötzlich haben die Darsteller Instrumente in der Hand. Es sind die Musiker des Solistenensembles Kaleidoskop. Sie eignen sich den Raum an, zu dem die Zeit hier geworden ist, den das bedeutet „Zero Time“. Nichtgemessene Zeit ohne Anfang und Ende, die zu einem Gehäuse wird, einem Ort, an dem alles, was sich ereignet, jede Handlung und der Klang, den sie produziert, gleichberechtigt ist. Und an dem es keine Hierarchien der Hörwahrnehmung gibt. Dieses „Raum-Klang-Dings“ (O-Ton Kesten) will an John Cage erinnern, der dieses Jahr 100 geworden wäre, und an die Fluxus-Bewegung, die keine Grenzen zwischen Kunst und Leben kennen wollte.

Und so erklingen die ersten, lang gehaltenen, schillernden Streichertöne wie ferne Nebelhörner. Simon Hartmann klemmt Zahnbürsten, später Glühbirnen unter die Saiten seines Basses, der nur noch schnarrende und grunzende Töne produziert – eine Uraufführung, das Stück, „Zahnbürsten 22 für Kontrabass“ ist von Kesten selbst. Es erklingt gemeinsam mit Fetzen anderer Streichquartette von Feldman, Webern, Higgins oder Beethoven, die durchsetzt sind von typischen Fluxus-Aktionen wie Händewaschen und Stühlerücken, was Alltag auf die Bühne bringen soll. Anders als bei Helmut Lachenmann wird hier Geräusch nicht zur Musik, sondern Musik zum Geräusch. Und dazwischen immer wieder lang anhaltende Stille – jene Stille, die für Cage das Tor zur Welt der Töne war. Der Besucher wird zum Gefangenen, der zum Hören gezwungen ist. Ein existenzielles Erlebnis. Udo Badelt

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