KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Kaspar Heinrich

POP

Schwarze Messe:

Dillon in der Volksbühne

Als die Menschen in die ausverkaufte Volksbühne strömen, breitet sich bereits Kunstnebel von der Bühne her aus. Das Licht erlischt und Tamer Fahri Özgönenc tritt herein, der Mann hinter Dillons Musik. Ein Bass beginnt zu pumpen, er lässt die Holzvertäfelung an den Wänden zittern. Aus dem Dunkel erscheint die Frau, die sich Dillon nennt, und haucht ins Mikrofon. Gehüllt in ein bodenlanges schwarzes Gewand, aus der Tiefe der Bühne nur spärlich beleuchtet, erkennt man kaum mehr als ihre Silhouette. Das Gesicht bleibt so finster wie die Musik. Ihre Stimme ist die einer quengeligen Katze, ihr Spiel am E-Piano mystisch-verhalten. Dazu bedient Özgönenc Rechner und Drum Pad, baut eine zarte elektronische Klangkulisse aus Klackern und Klickern auf, die immer präsent, aber nie penetrant ist. Nach einer halben Stunde die ersten Worte der düsteren Priesterin ans Publikum, ein einfacher Dank. Er reicht aus, um Frauen aufkreischen zu lassen. Die Menge ist ihr ergeben, und Dillon nimmt es kokett zur Kenntnis. Windet sich, schlägt die Hände vors Gesicht, hüpft linkisch auf der Bühne herum. Bei „Tip Tapping“, einem Song der verspielt dahintröpfelt wie sein Titel, ist sie Vorsängerin, das Publikum spielt den Kirchenchor. Zu „Contact Us“malt sie ein Kreuz in die Luft, ihre grünen Fingernägel schimmern im Scheinwerferlicht. Dazu fortwährend der Nebel: Er umspielt und verhüllt die beiden Gestalten auf der Bühne, fließt im zuckenden Licht und bleibt zurück, als die schwarze Messe nach einer guten Stunde ihr Ende findet. Man tritt in die beginnende Nacht – und meint den Geruch von Schwefel in der Nase zu haben.Kaspar Heinrich

KUNST

Bunte Reise: Naive Malerei

von Charlotte E. Pauly

Die beiden Frauen gehen eingehakt nebeneinander her, ihre fülligen Körper sind in bunt gemusterten Stoff gehüllt, unter den Kopftüchern blitzt schwarzes Haar hervor. Sie scheinen ins Gespräch vertieft, ihre Gesichtskonturen sind einprägend und scharf gezeichnet. Charlotte E. Paulys Bilder in der Ausstellung „Ein Temperament, mir selbst fast unbekannt“ (Galerie Parterre, bis 4.11., Danziger Str. 101, Mi–So 13–21, Do 10–22 Uhr) zeigen ein weites Repertoire und ganz unterschiedliche Facetten der Künstlerin, die 1981 im Alter von 95 Jahren in Ost-Berlin starb. Auf Reisen in den zwanziger und dreißiger Jahren lernte Pauly Italien, den Libanon, Griechenland, Portugal und vor allem Spanien kennen und lieben. Ihre Aquarelle aus dieser Zeit sind heiter bis naiv, in ihrer Farbwahl fast schon süßlich. Die naturverbundene Künstlerin idealisiert das einfache Leben der portugiesischen Fischer und Zigeuner, das sicher nicht immer so idyllisch war, wie es in ihren Bildern mitunter wirkt. Ganz anders die Kaltnadelradierungen. Hier sind etwa in das Gesicht eines alten portugiesischen Fischers tiefe Furchen gegraben, seine Augen blicken wachsam und doch hoffnungslos. Auch eine Auswahl von Fotos, die die Fischer von Nazaré zeigen, verzichtet auf jeden Kitsch. Skurril wirkt daneben ein Aquarell mit Robotern, die aus Rohren zu bestehen scheinen. Sie schlachten eine Herde weißer Pferde ab: Paulys Sinnbild für die Verdrängung des Pferdes durch das von ihr verteufelte Auto. Annika Brockschmidt

KLASSIK

Heller Süden: Ensemble Mediterrain

im Kammermusiksaal

Der Herbstbeginn in Berlin ist ein guter Anlass, weit in den Süden zu entfleuchen – und wahrscheinlich hat dies das Ensemble Mediterrain einen guten Teil des Publikums für das Konzert zu seinem zehnjährigen Jubiläum gekostet. Dennoch ließe sich auch musikalisch noch etwas tun, um das Berliner Stammpublikum in größerer Zahl in den Kammermusiksaal zu locken. Denn so sympathisch die Idee ist, Musiker aus renommierten deutschen Orchestern mit Bezug zur Mittelmeerregion in einer flexiblen Kammermusikformation zu vereinen, reicht das als Profil doch nicht ganz aus. So intim aufeinander eingespielt, dass sie laufend die Grenze vom handwerklich Guten zum spezifischen Ausdruck überschreiten, wirken die Musiker jedenfalls nicht.

In Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“, die man in der Bearbeitung von Schönberg und mit der stimmschönen Karolina Gumos als Solistin gibt, wird der doppelte Boden zudem durch eine allzu einseitig hochromantische Klangdecke überdeckt, während Wagners „Siegfried-Idyll“ wohl sauber, aber nicht kindlich rein daherkommt. Es spricht für Hasan Uçarsus neue Komposition „Handgemacht“, dass sich die Musiker in ihr auf ein neues Energielevel begeben, wobei die originellste Passage – ein schiefes Duo zwischen Flöte und Oboe – es verdient hätte, noch weiter ausgesponnen zu werden. Mit Bruno Borralhinhos farbig-effektivem Arrangement von Isaac Albéniz’ „Suite Española“ führt das Ensemble schließlich noch eines seiner Paradestücke vor und findet zu einem runden Ensembleklang mit glaubwürdig mediterranem Einschlag, der es aus der Menge guter Kammermusikformationen heraushebt. Carsten Niemann

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