KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Ton für Ton: Omer Meir Wellber

debütiert beim DSO

Ein Grundlagenforscher ist dieser junge israelische Dirigent. Omer Meir Wellber dirigiert das Deutsche Symphonie Orchester bei seinem Philharmonie-Debüt mit höchster Präzision. Sibelius’ Violinkonzert bereinigt er von Schlacken und Schlieren (auch der russische Solist Sergej Krylov bleibt bei aller slawischen Beseeltheit doch diszipliniert), ebenso Mahlers 1. Sinfonie. Wellber ist kein Mann der Mätzchen, Allüren oder Effekte, er stellt sich ganz in den Dienst der Partitur, bemüht sich um Makellosigkeit bis ins Detail.

Der 31-jährige Israeli hatte sich in Berlin zunächst als Assistent von Daniel Barenboim einen Namen gemacht. Mittlerweile stand er an den Opernhäusern in Dresden, München oder bei den Wiener Festwochen am Pult, seit 2011 bekleidet er den Posten des Musikdirektors im spanischen Valencia. Ein interessanter Versuch: das musikalische Handwerk so akkurat zu verrichten, dass es in Kunst umschlägt. Er gelingt jedoch nur selten an diesem Abend, denn noch neigt Wellber zur Überdeutlichkeit, zum Vorbuchstabierten, Synthetischen. Man vermisst das Derbe, Groteske und Schrille bei Mahler, auch das Amorphe des Symphoniebeginns mit dem Naturlaut absteigender Quarten, erst recht das Klangfarbenspiel. Hatte Sergej Krylov sich bei seiner Zugabe vor der Pause, Bachs populärer Orgel-Toccata und Fuge d-Moll in der Fassung für Violine, noch bis an die Grenzen seiner hochvirtuosen Möglichkeiten verausgabt, geht Wellber bei Mahler lieber nicht ins Risiko. Beschwört Intensität, auch in den zartflimmernden und kammermusikalischen Passagen, bleibt jedoch wohlerzogen. Im Finalsatz mit seinem brutalen Fanfarenauftakt leistet er sich dann aber eine Unerbittlichkeit und Schärfe, die aufhorchen lässt: jeder Ton ein Offenbarungseid, ein schmerzverzerrter, unmöglicher Triumph. Begeisterung im Saal. Christiane Peitz

JAZZ

Geister und Wellen: Anthony Braxton im Institut français

Dass einer der bedeutendsten amerikanischen Komponisten unserer Zeit im vergangenen Vierteljahrhundert nicht in Berlin war, ist einfach nicht entschuldbar. Das Hauptstadtpublikum hat somit verpasst, wie Anthony Braxton sein musikalisches Gebäude entwirft, wie sich sein „Tri-Centric“ genanntes Gesamtwerk sukzessive entwickelt hat. Sechs der geplanten zwölf Räume sind bereits gestaltet, den jüngsten hat Braxton „The Falling River Music“ genannt. Zusammen mit seinen einstigen Studenten, der angesagten Brooklyner Gitarristin Mary Halvorson, der Saxofonistin Ingrid Laubrock, dem Saxofonisten Andre Vida und dem Kornettisten Taylor Ho Bynum, stellt der 67-jährige Multiinstrumentalist Braxton sein schlagzeugloses Quintett zu Beginn einer Europatournee im Berliner Institut français vor. Dabei vereint er zwei verschiedene Kompositionsansätze, um das intuitive Zusammenspiel der Mitwirkenden zu fördern. Auf den Notenständern liegen klassisch notierte Themen, die seiner „Ghost Trance Music“ entstammen, zusammen mit bunten Aquarellskizzen, jeweils mit internen Kodierungen aus Zahlenanordnungen und grafischen Zeichen versehen. Diese kammermusikalische Anordnung klingt nach improvisierten Wellen, in denen, einer musikalischen Big Bang Theory ähnlich, Hierarchien zwischen den Kompositionen nicht zugelassen werden. Alles könnte versetzt und neu zusammengefügt werden und bleibt dennoch Braxton. Der Komponist spricht diesbezüglich von spiritueller Dynamik und vibrierenden Haltungen, einstweilen entstehen musikalische Zwischenräume, in denen sich Braxtons dreidimensional gedachte Fantasiewelten zum großen Klang türmen. Christian Broecking

POP

Zwei gewinnt: Me And My Drummer im Heimathafen Neukölln

Zu Beginn hakt es beim Konzert von Me And My Drummer im ausverkauften Neuköllner Saalbau. Nach Intro und erstem Song ruft Sängerin Charlotte Brandi dem Tontechniker von der Bühne aus zu, was nachzujustieren ist. Mit Erfolg: Ihre Stimme, die in den ersten Minuten unterzugehen drohte, ist plötzlich da, stark und klar. Beim swingenden „Down My Couch“ zeigt das Duo, dass es Spannung aufbauen kann. Erst recht beim grandiosen „You’re A Runner“: Dem melancholischen Beginn folgt ein galoppierender Beat, bevor der Song ins Hymnische abhebt. Brandi singt, spielt Klavier und Synthesizer, Matthias Pröllochs ist der namensgebende Drummer. Mehr Musiker braucht es auch live nicht, um den Dream Pop ihres Debütalbums „The Hawk, The Beak, The Prey“ zur Entfaltung zu bringen.

Die Musik der beiden Wahlberliner, die sich am Landestheater Tübingen kennengelernt haben, klingt reif – und sie ist wandelbar. Mal wischt Pröllochs mit dem Besen über die Snare und es wird loungig, mal hämmert er auf sein Schlagzeug ein. Die Ballade „The Wings“ singt Brandi ätherisch-zart am vorderen Bühnenrand, lässt ihre Hand beim imaginären Harfenspiel durch die Luft streichen. Bei „Heavy Weight“ scheint Achtziger-Disco-Sound auf, unterstützt durch violette Lichtkegel. Doch nie steht die Show im Mittelpunkt, immer die Musik. In den besten Momenten wird das Konzert zur Jam-Session. Zwischen den Songs spielt Brandi mit dem Image der Unerfahrenen, kündigt eine Coverversion an – das bräuchte man ja wohl im Programm, habe sie gehört. Radioheads „Where I End And You Begin“ gerät kraftvoll und fremdelt kein bisschen in der Setlist des Duos. Souverän und engagiert gibt die Band ihr 80-minütiges Konzert, schürt mit neuem Material zugleich die Vorfreude aufs nächste Album. Noch spielen Me And My Drummer vor 800 Menschen, noch trinken sie im Anschluss gemeinsam mit den Fans ein Bier am Merchandise-Stand. Wenigstens eins davon dürfte sich in absehbarer Zeit ändern. Kaspar Heinrich

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