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FILM

Vater, Sohn und Pelikan:

„Ein griechischer Sommer“

Es ist noch nicht lange her, da war das Image Griechenlands nicht durch EuroKrisenängste, sondern vom Klischee des Inselparadieses in einer immer blauen Ägäis geprägt. Genau dort verortet der französische Regisseur Olivier Horlait seinen Kinder- und Jugendfilm „Ein griechischer Sommer“. Auf der kleinen Insel Zora stört kein Handyklingeln die Ruhe, denn das Mobilfunknetz hat diesen Außenposten noch nicht erreicht. Wer das einzige Telefon benutzen will, muss den Wirt um Erlaubnis fragen. Für den 14-jährigen Yannis (Thibault Le Guellec) hat die Idylle Risse bekommen. Vor ein paar Jahren ist seine Mutter gestorben, seitdem hat sich der Vater Demosthenes (Emir Kusturica) in sich selbst zurückgezogen. Auf einem Frachtschiff entdeckt Yannis einen jungen Pelikan, den er dem Kapitän abkauft. Vor dem Vater muss er den Vogel verstecken, aber irgendwann fliegt der riesige Pelikan auf die Strandpromenade und wird zum Star der Insel. Touristen strömen herbei, um sich mit dem Vogel fotografieren zu lassen. Der Wirt verbucht Rekordumsätze, nur Demosthenes will sich nicht mit dem Tier anfreunden. „Ein griechischer Sommer“ zeigt innere und äußere Kämpfe. Doch die Vaterfigur, die Emir Kusturica äußerst steifbeinig verkörpert, findet aus dem Klischee des introvertierten Grummlers nicht heraus. Was in aller Welt der Mann gegen den Pelikan hat, will sich nicht vermitteln (in sieben Berliner Kinos). Martin Schwickert

OPER

Flöten, Küssen und Weinen:

zwei Singspiele im Schloss Britz

Es gibt zwei Dinge im Leben Jean-Jacques Rousseaus, die wenig bekannt sind: Dass er ein kompetenter Musiker und als Exilant in der preußischen Exklave Neuchâtel zeitweilig Untertan Friedrichs II. war. Für das Festival Schloss Britz ist das Anlass, sein neues Opernprojekt, das unter dem Titel „Junge Liebe – Alte Musik“ im Kulturstall des charmanten Anwesens stattfindet, mit einem nachgestellten Flötenkonzert von Sanssouci zu eröffnen und dann in der gleichen Kulisse Rousseaus einaktiges Singspiel „Le Divin du Village“ zu spielen. Friedrich muss dabei die Rolle des kupplerischen Dorfwahrsagers übernehmen, der ein zerstrittenes Liebespärchen wieder zusammenbringt. Dieses Konzept ist allerdings so an den Haaren herbeigezogen und von Regisseur Oliver Trautwein so klamottig inszeniert, dass Rousseau unter die Räder kommt. Wie es möglich war, dass eine ganze Generation Tränen der Rührung über dieses petit rien vergossen hat, bleibt ein Rätsel. Das nachfolgende Singspiel „Bastien und Bastienne“, das der zwölfjährige Mozart nach Rousseaus Plot schrieb, überzeugt mehr. Trautwein übersetzt zwar auch hier Liebe grundsätzlich mit Sex, aber Mozarts Musik besitzt die Tiefe, um das auszuhalten. Das Konzept, die pubertären Gefühle mit pubertärem Witz in einem noch halb kindlich eingerichteten Jugendzimmer erwachen zu lassen, geht auf. Unter den Solisten ragen Carolin Löffler und Daniel Wunderling als sängerdarstellerische Doppelbegabungen heraus. Das zum Teil aus Studierenden bestehende Junge Sinfonieorchester Berlin wird von Andreas Schulz souverän durch den Abend geleitet (noch einmal am Sonntag, 14.10., 18 Uhr). Carsten Niemann

THEATER

Spuken, Gruseln und Würgen: ein Schauerdrama im Theater am Palais

Geschwind gemordet wird nicht. Langsam muss alles vonstatten gehen, denn sinnliche Reizbarkeit, gesteigert bis zum Wahnsinn, treibt voran, was unweigerlich zu Tod, Verlust – und geheimnisvoller, spukhafter Wiederauferstehung führt. Die Männer bestimmen, was geschieht, und die Frauen üben Rache, schlicht gesagt, sie sind nicht totzukriegen. Geieraugen verstören, Zeitabläufe verquirlen sich, ein Rabe überbringt den gerade noch Lebenden eine immer gleiche Antwort auf alle Fragen: „Nimmermehr“. Wir sind bei Edgar Allan Poe. Aus seinen Erzählungen und Gedichten hat Wolfram Moser für das Theater im Palais eine neue Schauergeschichte zusammengebaut: „Das Geheimnis des Doktor Templeton“. Zwei Freunde liefern sich Beichten, steigern die erlebten Schrecken, stehen im Wettbewerb um den ungeheuerlichsten Schauder. Auf der Bühne, von Alexander Martynow staunenswert in die Tiefe verlängert, geschieht Staunenswertes. Doch der von Herbert Olschok inszenierte Abend zieht sich in die Länge. Doch was die Darsteller Ursula-Rosamaria Gottert, Sibylla Rasmussen, Carl Martin Spengler, Jens-Uwe Bogadtke leisten, verdient Anerkennung. Sie leben in den Ereignissen, spüren ihnen nach, haben sie im ganzen Körper, im Gesicht, auf der Zunge. So viel Delikatesse im Umgang mit einem literarisch hochsensiblen Text ist selten zu erleben (wieder am 19. und 21.10., 19 bzw. 16 Uhr).Christoph Funke

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