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KLASSIK

Alt ist jung: Anne-Sophie Mutter spielt Prévin und Vivaldi

Gerade erst traten die Philharmoniker mit einem reinen Vivaldi-Programm auf, nun kommt Anne-Sophie Mutter mit den Trondheimer Solisten in die Philharmonie – und spielt „Die vier Jahreszeiten“. Es handelt sich nicht um Vivaldi-Festwochen, das Ganze ist reiner Zufall. Das Programm offenbart auch schnell seinen tieferen Sinn: In den ersten beiden Stücken verarbeiten moderne Komponisten barocke Formen, nach der Pause erklingt das Original. Benjamin Britten war 20 Jahre alt, als er die „Simple Symphony“ schrieb, und das 17-köpfige norwegische Kammerorchester, das seit 1999 mit Mutter tourt und erstmals in der Philharmonie auftritt, stürzt sich mit Biss und Schlagkraft in die Bourrée oder die Sarabande, dass es einfach Spaß macht. Auch wenn das nicht gleich ein TrondheimSound ist, wie das Programmheft großspurig ankündigt.

Techniken der Alten Musik wendet auch der 83-jährige André Previn in seinem zweiten Violinkonzert an , gewidmet seiner Ex-Ehefrau Anne-Sophie Mutter, die das Stück erst vor drei Wochen uraufgeführt hat. Es klingt, als hätte es auch vor 100 Jahren entstanden sein können, irritierend auch die langen Solopassagen für Cembalo, die wie angeklebt wirken. Anne-Sophie Mutter aber ist gelöst und guter Laune, ihrer Geige entlockt sie wundersame, goldglänzende, aschfahle Klänge, dabei immer eingeschmiegt ins Orchester, Erste unter Gleichen.

Dann die „Jahreszeiten“, reine Programmmusik natürlich, aber gut gemachte. Und Mutter rehabilitiert mit den Trondheimern die in Tausenden von Kaufhäusern zuschanden gekommene Musik, sie fällt einen an wie ein Sommerregen oder später ein eiskalter Windhauch. Die Staccato-Sept-Akkorde zu Beginn des „Winters“ geraten so metallisch-klirrend, dass Vivaldi plötzlich moderner klingt als die anderen Stücke, die an diesem Abend zu hören waren. Udo Badelt

ROCK

Glück der Straße:

Garland Jeffreys im Bi Nuu

Noch spielt die Berliner Vorgruppe The Charcoal Sunset. Erinnerungen mischen sich: vom Highway-61-Dylan und dem näselnden Waterboy Mike Scott. Das gefällt einem kleinen Mann im Publikum mit lustigem Hütchen so gut, dass er auf die Bühne springt und mitsingt. Einen Refrain, den er nicht kennt, in den er sich aber auf der Stelle einfühlt. Kein Wunder, denn das ist Garland Jeffreys, der sich mit seiner beseelten Stimme neben seinem Fan Bruce Springsteen im Stadion schon genauso gut gemacht hat wie jetzt hier zwischen talentierten Unbekannten in einer kleinen Kreuzberger Höhle.

Wenig später ist der 68-Jährige die Hauptattraktion des Abends. Seine Band sägt beschwörend auf einem Akkord, während der New Yorker im schwarzen Cowboyhemd mit Totenkopf-und-Rosen-Stickerei das Mikrostativ umklammert und berauschende Rock’n’Roll-Straßenpoesie spricht und singt. Und damit eindringlich schöne Bilder vom „Coney Island Winter“ hervorruft. Wie ein grobkörniger Schwarz-Weiß-Film. Es ist eine Schande, dass nur so wenige Leute ins kleine Bi Nuu gekommen sind, um zu erleben, was der Songpoet Jeffreys heute noch zu singen und zu sagen hat. Und dass das eigentlich alles viel besser und ausdrucksstärker ist als sein einstiger großer Hit, die Schnulze „Matador“, mit der er vor über 30 Jahren in Europa kurz Furore machte. „I’m Alive“ schleudert er seinen Fans entgegen , vom fabelhaften neuen Album „The King Of In Between“. Und demonstriert ganz lässig wie brillant auch seine älteren Songs immer noch sind. „35 Millimeter Dreams“, „Wild In The Streets“, und vor allem seine umwerfende Ballade „New York Skyline“. Dazwischen eine etwas zerrupfte Version von Dylans „Hard Rain“. Blues, Soul, Reggae, R&B sind der Stoff aus dem Jeffreys seine mitreißenden Geschichten formt. Vom Leben in der Großstadt, dem Älterwerden, der Liebe und der schieren Freude am Leben.H. P. Daniels

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