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von

POP

Kathartische Sphären:

Why? in der Volksbühne

Haben Sie mal versucht, Hip-Hop, Dreampop, Postrock, Indie und Folk in einen Mixer zu stecken und daraus eine stimmige Melange zu rühren? Ganz schön schwer? Die kalifornische Band Why? ist für solche Probleme der richtige Ansprechpartner. Sie ist in der Volksbühne mit sechs Spezialisten am Start und löst diese Aufgabe exzellent. Eröffnet wird der Abend von Balam Acab, der dem Publikum den vollen digitalen Möglichkeitskosmos vorführt. Während er mit Witch-House-Sound den großen Saal der Volksbühne beschallt, läuft eine fast kathartische Videoprojektion: in etwa so, als würde man unter LSD-Einfluss tauchen oder in Brackwasser baden.

Nach digital kommt analog: Auch Why? haben neben dem Sprechgesang Jonathan „Yoni“ Wolfs sphärische Klangflächen zu bieten – die aber erzeugen sie zum Großteil per Hand und per Stimmband. Die Schlagzeuger/Percussionisten Josiah Wolf und Ben Dylan Sloan bilden im Zusammenspiel von Xylofonen, Glockenspielen, Rasseln und Drums das rhythmische Grundgerüst – großartig. Bei Hits wie „The Hollows“ wird die Gitarre fast zu einem weiteren Rhythmusinstrument. Yoni Wolf performt und gestikuliert wild im Vordergrund, während seine Raps von E-Piano, Synthie und zwei Sopranen unterlegt werden. Das Publikum im fast ausverkauften Haus hält es lange auf den Sitzen – vor der ersten Zugabe aber erhebt sich zumindest etwa die Hälfte der Besucher. „Ihr seid verrückt“, schreit Sänger Wolf, „wir fühlen uns nicht mehr sicher auf der Bühne!“ Sie haben Deutsche in einem klassischen Theatersaal dazu gebracht aufzustehen, werden sie sich später erzählen. Dank ihres wunderbaren Genre-Cocktails. Jens Uthoff

ROCK

Goldener Twang: Richard Hawley

im Festsaal Kreuzberg

Die Haartolle glänzt frisch geölt im blauroten Scheinwerferlicht. Die Gitarre schimmert dunkel-elegant unter unaufdringlicher Könnerschaft. Richard Hawleys, einstiger Tour-Gitarrist von Blur, wird im Laufe des Abends im Festsaal Kreuzberg noch ein Dutzend verschiedener Gitarren-Modelle mit feinfingerigem Einfühlungsvermögen zum Sprechen, Singen, Schreien und Flüstern bringen. Fast zu jedem Song eine neue Nuance, anderer Klang, andere Atmosphäre. Mit seiner perfekt eingespielten und bewährten Band bewegt er sich von lieblichen Soundtälern durch golden herbstlichen Twang bis hoch zu eisig-scharfkantigen Spitzen. Von beschaulicher Ruhe zu brüllendem Raketendröhnen. Von betörenden Doowop-Schnulzen zu psychedelischem Gelärme.

Doch vor allem ist da Hawleys wunderbar melodiöser Bariton mit melancholischen bis bissigen Sozialkommentaren. Und großer Sympathie für die Mitmenschen, vor allem die Benachteiligten und Verlierer. Klassisches englisches Arbeiterethos. Im düsteren Titelsong des neuen Albums „Standing At The Sky’s Edge“ singt er über vermurkste Leben am Rande des Abgrunds. „Don’t Stare At The Sun“ erzählt wie es ist, nach einer langen Rockstarnacht am nächsten Morgen fertig und unausgeschlafen mit dem kleinen Sohn einen Drachen steigen lassen zu müssen. Und immer spürt man die große Leidenschaft für die alten Idole: Elvis, Roy Orbison, Buddy Holly, Eddie Cochran. Richard Hawley besitzt, ähnlich dem älteren Nick Lowe, die große Gabe, seine Songs so klingen zu lassen als wären sie alte Jukebox-Ohrwürmer der fünfziger oder sechziger Jahre. Dabei sind sie ganz neu und zeitgemäß. Und keineswegs „retro“. H. P. Daniels

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