KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Märchenheimlich: Barbara Sukowa

mit den Berliner Philharmonikern

Wenn Barbara Sukowa das Schubertlied „Gretchen am Spinnrade“ vorträgt, knüpft sie an die Technik des gebundenen Melodrams von Schönberg an, um sie zu erweitern. An ihrem inneren Besitz der Komposition besteht kein Zweifel. Bewusst verlässt die eminent musikalische Schauspielerin Tonhöhen im Sinn einer kühnen Interpretation des Ausdrucks. Das klingt unerhört. Im Fall von Schönbergs „Pierrot lunaire“, den sie bei den Berliner Philharmonikern im Kammermusiksaal rezitiert, zeigt sie sich angemessen partiturtreuer. Die 21 Melodramen auf Gedichte von Giraud erklingen nach vorgezeichneten Noten und Rhythmen, die „nicht zum Singen“ bestimmt sind, sondern zur Sprechmelodie.

Das Konzert feiert das Jubiläum der Berliner Uraufführung am 16. Oktober 1912, als die Auftraggeberin Albertine Zehme Schönbergs Solistin war. Seltsam, dass der deutsche Text von Hartleben mit seinem seligen Jugendstil diesmal schwer zündet. Das Ensemble aus fünf Solisten, angeführt von Madeleine Carruzzo wechselnd an Violine und Viola, ist in kanonischen Künsten, Walzer und Passacaglia engagiert am atonalen Werk. Und Sukowa steht ganz im Bann der Musik und sogar hinter der Soloflöte beim „Kranken Mond“. Aber es müsste wortdeutlicher knistern in den Konsonanten eines Verses wie: „Mit groteskem Riesenbogen/Kratzt Pierrot auf seiner Bratsche“. Versteht man sie, so charakterisieren Wörter wie „märchenheimlich“ das Wesen der Interpretation, weniger der ironisch-satirische Ton jenes „Mondflecks“, den Pierrot auf seinem schwarzen Rock entdeckt.

Michael Hasel, Flötist der Philharmoniker, leitet ein philharmonisches Kammerensemble als Dirigent, aufmerksam nach dem Motto: Jeder Philharmoniker ein Solist. In einer Bearbeitung des Opus 16 von Schönberg funkeln die Farben. Dass Christina Fassbender, Soloflötistin der Komischen Oper, als Gast mitwirkt, bringt bei Debussy Gewinn an Zauberklang. Sybill Mahlke

POP

Knallig: John Cale & Friends

in der Passionskirche

John Cale gilt als erster Avantgardist der Popmusik. Nach klassischer Ausbildung, Lehrjahren in New York bei John Cage und La Monte Young in den frühen 60ern und der wilden Zeit mit Velvet Underground, hat der heute 70-jährige Waliser während der letzten Jahrzehnte so ziemlich alles gemacht, was ein Musiker machen kann. Hat komponiert, produziert und Unmengen Alben aufgenommen. Immer entlang der Grenze von Klassik und Moderne, Tradition und Avantgarde. Und jetzt? Mit gestrubbten weißen Haaren, großen Ohren, hervorstechender Adlernase und kleinem Zickenbärtchen unter der Unterlippe steht er im blassroten Jackett aufrecht hinterm Keyboard. Peilt die Lage in der ausverkauften Passionskirche. Sortiert konzentriert Sounds in einem orchestralen Intro und fügt sich als primus inter pares in die Gemeinschaft seiner drei fabelhaften Begleiter: verzerrte Gitarre, Schlagzeug und melodisch rhythmisch galoppierender Bass.

„I lost my memory today“ singt Cale mit markanter Nasalstimme. Und gibt der Stimmung trotz starrem, weißem Bühnenlicht eine tiefblau schwingende Note: „Bluetooth Swings“. Die Songs der letzten Jahre entfalten im spannungsreichen Wechsel von harscher Monotonie und feiner Melodik einen hypnotischen Sog, in den sich Musiker und Zuhörer reinziehen lassen. Genauso wie in den Strudel harter Gitarrenriffs vom neuen Album „Shifty Adventures In Nookie Wood“. Oder in den berauschenden Hardfunk des älteren Songs „Helen Of Troy“, bei dem man Cale und seinen brillant aufeinander eingespielten Musikern die Freude ansieht, sich im Halbkreis stehend knallige Riffs zuspielen zu können. Der tolle Gitarrist Dustin Boyer entreißt seiner Maton-Gitarre atemberaubende Soli mit Trillern und Tremolo. In „The Hanging“ lässt Cale Erinnerungen aufleuchten an „The Guns Of Brixton“ von The Clash. In der Zugabe noch einmal Sprechgesang mit Dylan-Gefühl: „Dirty Ass Rock ’n’ Roll“. Und alle Fragen sind zur höchsten Zufriedenheit beantwortet. H.P. Daniels

LITERATUR

Lest Dante!  Kurt Flasch in der rheinland-pfälzischen Vertretung

Schwer ist er, dieser Dante: „Ich habe noch von keinem Klassiker so oft gehört: Ja, ich habe ihn angefangen, aber es nicht bis zum Ende geschafft“, sagt Kurt Flasch, Philosophiehistoriker und Experte für die Denker des Mittelalters, in der gut besuchten Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz in Berlin. Weder bei Goethe noch bei Shakespeare würden die Leser so oft aufgeben. Und schickt eine Ermutigung hinterher: „Ich verspreche Ihnen, man kommt durch. Sie sollen sehen, dass das Spaß macht und dass man es versteht.“ Dann beginnt Flasch, aus seiner Übersetzung der „Göttlichen Komödie“ zu lesen und man ist nach wenigen Minuten überzeugt (Dante Alighieri: „Commedia“. In deutscher Prosa von Kurt Flasch. Kurt Flasch: „Einladung, Dante zu lesen“. S. Fischer, 2011. 2 Bde., zus. 672 S., 98 €). Er hat sich für Prosa entschieden und rettet Dante so vor den Verbiegungen einer Gedichtübertragung. Musikalisch ist diese Prosa trotzdem,so klar und heutig, dass alle Patina vom Großwerk abfällt und sie stattdessen tatsächlich Lust auf die Commedia weckt. Weil der Übersetzer auch gelernter und kritischer Katholik ist, überdies ein politischer Mensch, zerpflückt er gleich noch ein paar Jahrhunderte Dante-Auslegung – sehr vergnügt und zum Vergnügen des Publikums. Religiös? „Die Commedia ist ein Weltgemälde, ein Liebesgedicht!“ Thomas von Aquin wäre entsetzt über DantesTheologie, und Augustinus, der das Höllenfeuer für die Christenheit durchsetzte, Luther eingeschlossen, sei dem Dichter auch egal gewesen. Dessen Hölle ist ein Eiskeller, nicht mal im Fegefeuer brennt’s, nur einmal kommt Pech zum Einsatz, gegen die Stadtverwaltung von Lucca. „Manche Leute reden über Dante und haben nicht mal einen Katechismus zu Hause.“ Vermutlich ist Flasch ein so großartiger Übersetzer, weil er Dantes Welt und Philosophie so gut kennt. Und mitübersetzt. Dabei meint er immer noch, er könne das eigentlich nicht. „Ich habe es eben einfach mal gemacht.“Andrea Dernbach

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