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Foto: Felix Broede
Foto: Felix Broede

ROCK

Cool & heiß: And You Will Know Us By The Trail of Dead im Lido

Am Ende liegen Bassdrum, Tomtoms, Becken, Snare und Rides verstreut auf der Bühne. Conrad Keely turnt noch auf den Instrumenten herum. Keely und Kumpane haben eineinhalb Stunden gerockt und ein Schlachtfeld hinterlassen. Im zweiten Song, „World’s Apart“ fragten sie „What’s the future of Rock ’n’ Roll?“. Ist das ihre Antwort? Ein Trümmerhaufen?

And You Will Know Us By The Trail Of Dead, die Band dieses Namens kümmert die Zukunft des Rock herzlich wenig – sie spielt ihn einfach. Im fast ausverkauften Lido haben sie sichtlich Spaß – nicht selbstverständlich für eine Band, die seit Mitte der Neunziger in fast derselben Besetzung zusammenspielt. Anfangs wummert der Bass etwas stark, auch Keelys Stimme liegt manchmal ein wenig daneben, das aber stört kaum. Trail Of Dead machen Witze, prosten sich mit Getränken zu, von denen sie mutmaßen, es könne Urin sein. Schuljungen im Geiste, Punks im Herzen. Und sie entwickeln mit Singalongs und Powerchords mitreißende Kraft. Trail of Dead präsentieren eine Mixtur ihrer besten Alben („Source Tags & Codes“, „World’s Apart“) und den neueren Werken; dieser Tage erscheint das achte: „Lost Songs“.

Während die johlende Headbangerin in direkter Nachbarschaft für fiese Frequenzen im Mittelohr sorgt, macht man sich um die Zukunft des Rock selber keine Sorgen – man lebt ihn einfach. Schon die postrockige Instrumental-Band Maybeshewill, die den Abend eröffnet, liefert dafür laute, breakige, metallische Argumente musikalischer Natur. Jens Uthoff

KUNST

Cover & Original: Kolb und Kehl

im Haus am Lützowplatz

Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf? Bei Art Brut, den Werken von Laien, stellt sich diese Frage schnell. Ernst Kolb war gelernter Bäcker und ungelernter Künstler, in Mannheim ein „Original“ – und galt als eigen, ohne dass bei ihm eine psychische Krankheit diagnostiziert worden wäre. Zu zeichnen begann er erst in den letzten Lebensjahren vor seinem Tod 1993. Mit dem Kugelschreiber füllte er die Rückseiten von Werbezetteln, schuf menschliche und tierische Motive, außerdem figurative Fantasiegebilde. Akribisch zeichnete er Muster in die Figuren; seine Angewohnheit, bis zu den äußersten Rändern des Blattes zu zeichnen, hat etwas Zwanghaftes. Das faszinierte Gerhard Kehl – ebenfalls Künstler, ebenfalls Quereinsteiger. Im Internet stieß er auf Kolbs Arbeiten und begann sein „ErnstKolb-Projekt“. Die Kugelschreiberzeichnungen dienen als Vorlagen für seine Ölgemälde. Was im Original kleinteilig und präzise ist, findet bei Kehl den Weg ins Farbig-Flächige, aus Grafik wird Malerei. Und Skulptur. Im Haus am Lützowplatz (bis 11.11., Di–So 11–18 Uhr) hängen die 34 Originale und ihre Coverversionen nicht immer beieinander, so fällt es oft schwer, die Bezüge zu erkennen. Die Idee aber überzeugt. Kaspar Heinrich

KLASSIK

Allein & vereint: Isabelle Faust und das Orchestre des Champs-Elysées

Konzerte sind Verabredungen mit der Zukunft. Ein Wunder, dass sie meist stattfinden, entgegen allen Widrigkeiten. Beim Gastspiel des Orchestre des Champs-Elysées stecken die kostbaren Originalklanginstrumente noch im Stau fest, als das Publikum seine Plätze einnehmen will. Isabelle Faust, die Solistin des Abends, verkürzt die Wartezeit alleine mit ihrer Stradivari und Bachs Partita BWV 1002. Eine Herausforderung für Ungeduldige, ein Geschenk für Einkehrwillige. Eine halbe Stunde Schweben in der Philharmonie. Dann wieder Warten, Kesselpauken werden aufs Podium gehievt, und endlich erscheint das von Philippe Herreweghe gegründete Ensemble im Saal. Einen Brahms- Doppelabend hätte es geben sollen, geprägt von einem lichten französischen Blick auf den deutschen Meister des Selbstzweifels. Das Violinkonzert gelingt Faust, Herreweghe und seinen verschworenen Musikern wunderbar selbstverständlich. Zart, aber nie verzärtelt, klar, aber nie durchsichtig. Davon braucht man mehr. Doch die Zeit ist weit vorgerückt, aus Rücksichtnahme auf das Publikum spielt das Orchestre des Champs-Elysées nur noch das Poco Allegretto aus der 3. Symphonie. Der melancholische Ton trifft: 30 Minuten Brahms-Glück sind heute auf der Autobahn geblieben. Ulrich Amling

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