KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Hüpfend: Kristjan Järvi

dirigiert die Berliner Philharmoniker

Als Einspringen in zwiefachem Wortsinn ist das Debüt des estnischen Dirigenten Kristjan Järvi bei den Berliner Philharmonikern zu beobachten. Einerseits ersetzt er den verhinderten Myung-Whun Chung, indem er dessen Programm übernimmt, andererseits ist seine Körpersprache eine hüpfende zu nennen. Dieses tänzerische Element geht erfrischend an die Werke, so dass es, mehr als eine Äußerlichkeit, auch der inneren Gestik der Musik dient. Nach einer Rhapsodie von Nielsen, in der das Grelle im Sanften der Töne überrascht, kommt es zum Kontrast Messiaen-Tschaikowsky. Während für den Franzosen Musik ein Glaubensakt ist und schon der Titel „L’Ascension“ das theologische Anliegen charakterisiert, kämpft die vierte Symphonie von Tschaikowsky mit dem „unermüdlichen Fatum“. Ideell stehen die vier symphonischen Meditationen von Messiaen als „Musik der farbigen Kirchenfenster“ einer „sehr persönlichen Beichte“ gegenüber. Sie hat mit dem katastrophalen Eheversuch des homosexuellen russischen Komponisten zu tun.

Die Philharmoniker sehen in ihrer Besetzung anders aus als etwa unter Simon Rattle. Aber das fromme Blech im ersten, das Englischhorn im zweiten und die verkleinerte Streicherbesetzung im letzten Satz lassen es an Intensität und Licht der „Himmelfahrt“ nicht fehlen. Nach dem Gotteslob setzt mit seidiger Eleganz das biografische Werk ein: Es zeigt sich, dass Järvis physische Beweglichkeit ein luzides f-Moll der Tschaikowsky-Symphonie begünstigt, jenseits jeder Sentimentalität. Das Finale ist damit nicht fatalistisch, sondern rein musikalisch ein feuriger Triumph. Sybill Mahlke

KLASSIK

Glänzend: Gennadi Rozhdestvensky beim Konzerthausorchester

Einen Versuch war’s wert. Tschaikowskys zweites Klavierkonzert und seine symphonische Dichtung „Manfred“ stehen im Schatten zweier größerer Werke: des 1. Klavierkonzerts b-Moll und der „Pathétique“. Jetzt hat sich das Konzerthaus der beiden Außenseiter angenommen. Am Pult steht der 81-jährige Tschaikowsky-Experte Gennadi Rozhdestvensky, mitgebracht hat er seine Frau, die Pianistin Viktoria Postnikova. Kräftig spielt sie, körnig, dominant, wie die Glocken der Christ-Erlöser-Kathedrale donnern die Töne, dazwischengestreut auch Momente lyrischer Innigkeit. Im langsamen Satz muss sie sich sowieso zurücknehmen, da haben Konzertmeister Michail Sekler und Solo-Cellist Friedemann Ludwig ihre Auftritte, was dem Ganzen den Charakter eines Kammerkonzerts mit obligatem Orchester verleiht.

Dann die „Manfred-Symphonie“: Der Protagonist flüchtet vor seiner zerrissenen Seele nach Art von Büchners Lenz in die Berge. Rozhdestvensky dirigiert mit karger, aber autoritärer Gestik, das Ergebnis ist ein fabelhafter, goldschimmernder, biegsamer Klang vor allem in den Streichern. Beim feenhaften Klanggespinst des zweiten Satzes macht Rozhdestvensky gar nichts mehr, lässt alles geschehen. Leider zerhaut sich Tschaikowsky die Geschichte am Ende mit orgelgestütztem Himmelfahrtskitsch. Letztlich sind beide Werke zu lang für das, was sie zu sagen haben, es geht auf 23 Uhr zu. Der erschöpfte, eher matte Applaus wird dem Glanz, den das Orchester gezeigt hat, trotzdem nicht gerecht. Udo Badelt

ARCHITEKTUR

Aufbauend: Hilde Weström

in der Berlinischen Galerie

Ein Drittel der Häuser war zerstört, als Hilde Weström nach dem Zweiten Weltkrieg als junge Architektin nach Berlin kam. Am 31. Oktober feiert sie ihren 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass widmet ihr die Berlinische Galerie eine Sonderausstellung (bis 25.2.2013), die zwar sehr überschaubar ist, aber dennoch mit Fotografien, Entwürfen und einem Film über die Architekturpionierin einen guten Einblick in das „Neue Bauen“ der 50er Jahre gibt. Hilde Weström, die bis 1981 ihr eigenes Architekturbüro betrieb, ist eine der wenigen Architektinnen, die am Wiederaufbau Berlins beteiligt war. Über 1000 Wohnungen baute sie, überwiegend Sozialwohnungen, auch Kindergärten, Kirchen und Eigenheime.

Die kargen Wohnblocks wirken aus heutiger Sicht nicht mehr besonders einladend. Doch waren Weströms variable Wohnlösungen in den 50er Jahren wegweisend. Und sie war die Erste, die die Bedürfnisse der berufstätigen Frau in den Fokus rückte: Neben Küche, Wohnraum und Essplatz sollte es einen „Hobbyplatz für Vater und Sohn“ und einen „Nähplatz“ für die Mutter geben. Im Rahmen der Architekturausstellung Interbau 1957 präsentierte Weström zusammen mit Vera Meyer-Waldeck Wohnungs-Entwürfe für die „Stadt von morgen“, die mit mobilen Wänden und modern ausgestatteten Küchen schon fast etwas James- Bond-artiges hatten. Birgit Rieger

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