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KLASSIK

Humoristisch: Meret Lüthi

eröffnet die Tage für Alte Musik

Die Geigerin Meret Lüthi und ihr schweizerisches Ensemble „Les Passions de l’Âme“ spielen bei den Tagen für Alte Musik Werke von Biber, Vater und Sohn Schmelzer sowie Fux. Mit dem älteren Schmelzer und Biber werden zwei Konkurrenten vorgeführt, mit dem Stück des Schmelzersohns eine fast unverändert plagiierte Sonate Bibers, die nur persiflierende neue Überschriften erhielt. Erstaunlich, welchen Formenreichtum die vorbachische Musik kannte: Neben Tanzsätzen hört man Einflüsse osmanischer Folklore, Vogelrufimitationen sowie einen ausladenden Variationensatz. Lüthi und ihr Ensemble vermitteln die Wildheit dieser Werke, sie betonen das Geräuschhafte und Perkussive, auch das Humoristische. Manchmal würde man sich allerdings gerade bei den Geigen einen wärmeren Klang wünschen, wie man ihn aus den Biber-Aufnahmen Harnoncourts kennt. Der Nachhall des Psalterions, einer frühen Form der Zither, lässt sich schwer kontrollieren und klingt in den Pausen zwischen den Sätzen nach; und die Intonation wirkt immer heikel. Trotzdem schade, dass der kleine Saal des Konzerthauses keineswegs voll besetzt ist. Auch, weil Lüthi mit charmanten Erläuterungen durch den Abend führt. Benedikt von Bernstorff

KLASSIK

Aufgeweckt: der Staatsopernchor

im Schillertheater

So sieht pfleglicher Umgang mit öffentlichen Subventionen aus: Beim Konzert des Staatsopernchores am Freitag im Schillertheater ragt hinter den Sängern eine aus dem Stammhaus mitgebrachte Dekoration auf. Etwas deplatziert wirkt die Rokoko-Attrappe mit ihren korinthischen Kapitellen schon im eleganten 50er-Jahre-Ambiente der Ausweichspielstätte. Aber sie tut ihren Dienst, die Gesangsformation akustisch in den Mittelpunkt zu rücken für einen Abend mit großen Opernchören (noch einmal heute, 18 Uhr). Weil solche Potpourriprogramme in Berlin sonst nur von Privatveranstaltern geboten werden, die dafür polnische oder tschechische Ensembles herankarren, versucht die subventionierte Bühne, ihren Ausflug ins Wunschkonzerthafte bildungsbürgerlich zu sublimieren: Zwischen den Musiknummern rezitiert Barbara Schnitzler literarisch Passendes von Shakespeare bis Puschkin.

Prachtvoll erklingen die Hits aus „Tannhäuser“, „Nabucco“, „Carmen“ – doch sind es nicht die Reißer, die am meisten Eindruck machen. Sondern der duftige Glockenchor aus den „Pagliacci“, die gänsehautkitschige Osterszene aus der „Cavalleria rusticana“, das Prologtableau des „Boris Godunow“, bei dem sich unter Alexander Vitlins Leitung die Staatskapelle und der von Frank Flade einstudierte Chor zu berührender Intensität steigern. Dass in den Reihen des Künstlerkollektivs auch Humor nistet, zeigt die Zugabe, wenn die Sängerinnen und Sänger nach zweieinhalb Stunden dem Publikum das „Wach auf“ aus den „Meistersingern“ entgegenschmettern. Frederik Hanssen

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