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Andreas Hartmann

POP

Polyrhythmischer Lärm: Jagwa Music aus Tansania im Ritter Butzke

Ob Björk, David Byrne, Paul Simon, Damon Albarn mit seinem Projekt The Good, The Bad & The Queen oder so hippe Bands wie Vampire Weekend: Alle suchen sie nach der Inspiration in afrikanischer Musik. Wer dann Jagwa Music aus Tansania bei ihrem Auftritt im Ritter Butzke sieht, der versteht auch, warum das so ist. Sechs Musiker, die in ihrer Heimatstadt Daressalam nebenbei halblegal als Taxifahrer arbeiten, stellen sich auf die Bühne und generieren mit primitivsten Mitteln genau die Intensität, die westliche Popmusik nur noch selten zu erzeugen in der Lage ist.

Die Instrumente, die Jagwa Music verwenden: ein Kinder-Casio, ein Holzhocker, ein paar Trommeln und ein Tamburin. In rasender Geschwindigkeit drücken Jagwa Music die Tasten, hauen auf die Felle und das Holz und schütteln die Schellen. Pausenlos und unermüdlich, damit es nicht zu anstrengend wird, teilen sich der Hockerklopfer und der Casiotastendrücker ihre Jobs. Dazu singt der Frontmann atemlos auf Swahili, wovon man natürlich kein Wort versteht, aber es heißt, es ginge in den Texten um den harten Überlebenskampf in Tansanias Hauptstadt. „Mchirika“ nennen Jagwa Music ihren wirklich irren, ultrahektischen, polyrhythmischen Lärm, der sich zur üblichen Karneval-der-Kulturen-Musik verhält wie die Sex Pistols zu Cliff Richard. „Afro-Punk“ wird dieser aggressive Dauerangriff auf die Synapsen dann auch gelegentlich genannt. Das Verrückte ist: Man glaubt bei diesen verzerrten Casio-Sounds und dem Trommelfeuerwerk auch Musikgenres wie Drum & Bass, Twostep oder Dubstep raushören zu können. Der Klang eines primitiven Holzhockers und das Musikprogramm Cubase sind sich also doch ähnlicher, als man bislang gedacht hat. Andreas Hartmann

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