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THEATER

Putzig: „Der kleine König Dezember“

im Schlosspark-Theater

Da steht er nun und kriegt den roten Umhang vor dem dicken Bauch nicht zu: Gustav Peter Wöhler als kleiner König Dezember, der plötzlich auftaucht in der Schublade eines namenlosen „großen Mannes“ und ihm den Spiegel vorhält: So ist dein Leben, aber es könnte auch anders sein. Eigentlich sollte Dirk Bach die Rolle spielen, jeder weiß es, und Wöhler hat das Unmögliche auf sich genommen – nach dessen Tod den König in kurzer Zeit einzustudieren und so zu interpretieren, dass man möglichst nicht sofort denkt, wie Bach das gemacht hätte. Toll, dass Wöhler einspringt – und so auch das Schlossparktheater (wieder: 30./31. 10.; ab 19. 11.) vor einem Debakel bewahrt.

Leider verwaltet Wöhler die Rolle mehr, als dass er sie gestaltet. Mit nüchternen Beamtenaugen blickt sein König in die Welt, spaßfrei, wenig poetisch (Regie: Lorenz Christian Köhler). Dabei reflektiert das Stück – nach Kolumnen von Axel Hacke – spielerisch existenzielle Fragen: Träumen wir, wenn wir wach sind, und umgekehrt? Wäre es nicht besser, wenn die Kindheit am Ende des Lebens stünde und nicht am Anfang? Vor allem Matthias Freihof als großer Mann fängt diese Atmosphäre ein. Viel Staunen liegt in seinen Augen, viel Ratlosigkeit auch eines Menschen, der sich eingerichtet hat in seiner Lebensroutine und doch, tief drinnen, neugierig geblieben ist.

Eine ambitionierte Inszenierung, liebevoll und raffiniert gemacht. Olaf Mücke sorgt mit Gitarre und Kontrabass für diskrete poetische Untermalung, Hausherr Dieter Hallervorden hat einen filmischen Kurzauftritt als „König 3. Januar“, und auch Dirk Bach hat man dringelassen, mit Mini-Auftritten als Fee und Zwerg – als Hommage. Doch dass hier der Inszenierung die Mitte abhanden gekommen ist, wird so nur umso deutlicher. Udo Badelt

KLASSIK

Zögerlich: Vadim Repin

mit dem RSB in der Philharmonie

Daniel Barenboim erzählte einmal, erst bei Orchesterproben von Kurt Sanderling sei ihm aufgegangen, dass es sich bei Schostakowitschs Sinfonien um bedeutende Werke handeln könnte. Umgekehrt zweifelt man vielleicht bei keinem anderen großen Komponisten so regelmäßig an der Qualität der Werke, wenn sie nicht von engagierten Interpreten beglaubigt wird. Bei seinem Debüt mit dem RSB geht Vadim Repin das erste Violinkonzert von Schostakowitsch merkwürdig zögerlich an. Will er damit den Ausdruck der Musik treffen oder traut er dem inneren Sinn des endlos schweifenden Klagegesangs nicht so recht? Dieses Schwanken müsste nicht gegen die Interpretation sprechen, aber auch bei den folgenden Sätzen lässt sich kein deutlicher Zugriff erkennen: Für eine strukturbewusste Deutung bleibt zu vieles im Ungefähren. In der riesigen Kadenz vor dem letzten Satz vermisst man den Sinn für den epischen Zeitverlauf dieser Musik. Beim Violinkonzert ist auch die Abstimmung zwischen Solist und Orchester nicht ideal, zu Beginn des dritten Satzes wird das Passacaglia-Thema von den Blechbläsern zugedeckt.

Vor der Pause allerdings gelingt dem RSB eine grandiose Aufführung von Strawinskys Feuervogel-Suite, mit süchtig machenden Holzbläsersoli. Ob sich das dem eher kleinteiligen Dirigat des ebenfalls debütierenden Karel Mark Chichon verdankt oder der großartigen Verfassung, in dem sich das Orchester offensichtlich zur Zeit befindet? Jedenfalls darf man sich auf den Ring-Zyklus des RSB unter Marek Janowski freuen. Benedikt Bernstorff

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