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KLASSIK

Wider die Schwerkraft:

Cecilia Bartoli in der Philharmonie

Was für ein goldener Herbst auf Berlins Konzertbühnen! Innerhalb weniger Tage geben sich Simone Kermes, Cecilia Bartoli und Joyce DiDonato (am 7. 11.) die Ehre: Sängerinnen, die Raritäten der Barockmusik in Divenfutter von heute verwandeln. Als zweite stürmt mit der Bartoli die quirlige Altmeisterin des Fachs aufs Podium, deren Entdeckergeist und kluge Repertoireexpansion längst Vorbildcharakter erreicht haben. Ihr aktuelles Album „Mission“ ist wieder einem beinahe komplett vergessenen Komponisten gewidmet: Agostino Steffani wirkte vor allem in Deutschland, wo er von 1687 bis 1707 alle an diesem Philharmonieabend gespielten Werke komponierte.

Ein Meister des Vorspiels ist der Abbé nicht gewesen, doch zum Glück erklingen nur wenige seiner Ouvertüren zwischen den Arien. Die Bartoli verzichtet auf musikalische Sättigungsbeilagen, spart sich auch die lähmenden Auf- und Abtritte. Wenn sie einmal ihrem exquisiten Begleitensemble I Barocchisti unter der leidenschaftlichen Leitung von Diego Fasolis die Bühne überlässt, hört sie von einem Sessel aus weiter zu. Wer die Szene so beherrscht, braucht keine Allüren. Die Bartoli greift lieber zum Schellenring, fordert Trompeter zum virtuosen Wettstreit heraus, schielt schlaftrunken zum Zirpen von Zikaden. Steffanis Traumvisionen enthalten seine schönste Musik. Der Welt wird die Last der Schwerkraft genommen – und die mezza voce der Bartoli schwingt sich zart auf ins weite Rund. Händel gibt’s als Zugabe. Ohne Frage der bessere Komponist, auch für eine Sängerin, die nach wie vor keinen Vergleich scheuen muss. Ulrich Amling

POP

Lasst alte Säcke um mich sein: Melody Gardot im Tempodrom

Zuerst kommt Luisa Sobral, ein bezauberndes Fräulein aus Portugal, mit Gitarre und heller Mädchenstimme. Dann kommt sehr lange nichts. Viel Zeit also fürs Publikum im halb gefüllten Tempodrom, die abscheuliche Bühnendekoration anzustarren. Ein Jahr lang war Melody Gardot auf Entdeckungsreise um die Welt, und darauf sollen die alten Säcke, Kisten und Kästen wohl hinweisen, die zwischen den Instrumentenpodesten aufgestapelt sind, die leere Kabeltrommel vorne und all die anderen folkloristischen Mitbringsel. Eine schöne Rumpelkammer ist das, später wird viel Kunstnebel im Hintergrund hochgepustet.

Exakt in dem Moment, als sich im wartemüden Saal eine Meuterei zu formieren beginnt, ist sie da: Groß, gertenschlank, in einem goldbraunen Traum von raffiniert gerafftem Stoff. Jetzt dauert es natürlich eine Weile, bis die Leute wieder in Stimmung kommen. Nach 90 Minuten aber werden sie in den Reihen tanzen. Was nicht nur an Melody Gardots Aura liegt, und an dieser Stimme, in der sich auf so faszinierende Weise Reife mit Unbeschwertheit verbindet, sondern auch an ihrer formidablen Band. Die fünf Musiker legen fetzige Soli hin, laden den jazzigen Ethnopop mit ungeheurer Energie auf, vor allem die Nummern des aktuellen Albums „The Absence“, die auf der CD doch sehr nach tonmeisterlichen Goldschmiedearbeiten klingen.

Und doch: Diese Schutzmaske aus Turban und Sonnenbrille, die schlangenhaften Bewegungen, die so gar nicht zum medizinisch notwendigen Krückstock passen wollen, die ins Französische kippenden Moderationen, das Rotweinglas, das sie immer wieder hochhält, ohne dann daraus zu trinken – könnte es sein, dass die Kunstfigur Melody Gardot gerade dabei ist, die genuine Künstlerin zu überwuchern? Frederik Hanssen

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