KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels
Bezwingend. Janine Jansen. Foto: Universal
Bezwingend. Janine Jansen. Foto: Universal

ROCK

Knödelblues mit Nudelholz:

Steve Miller im Tempodrom

Urwaldgeräusche und Geisterbahnklänge im gut besetzten Tempodrom. Und schon ist der Bühnenvorhang weg, mit einer lustigen Karikatur eines dicklichen Gitarre spielenden „Space Cowboys“. Dahinter kommt der Song „Jungle Love“ von 1977 zum Vorschein. Und ein dicklicher Gitarre spielender Mann. Es ist der 69-jährige amerikanische Gitarrist und Sänger Steve Miller, der sich einst den Beinamen „Space Cowboy“ verpasst hat, und der in den Siebzigern mit seinem poppigen eklektischen Bluesrock schwer angesagt war.

Jetzt fädelt er eine endlos anmutende Reihe seiner alten Hits zusammen. Mit „Abracadabra“ und „Shu Ba Da Du Ma Ma Ma Ma“. Mit Mitstreitern, die nicht weiter groß auffallen, bis auf den metallisch synthetischen Hammond-Klang des Keyboarders. Den Zweitsänger könnte man sich gut als Animateur eines Ferienclubs vorstellen. Wenn der dann auch noch die traurig hüftlahme Vorstellung des alten New-Orleans-Krachers „Ooh Poo Pah Do“ gibt, sehnt man sich zurück zum tollen Original von Jessie Hill und der explosiven Version von Ike & Tina Turner. Miller spielt brav Gitarre – mit stetem festem Griff zum wohlfeilen Riff. Und Dudeln und Nudeln. Er singt den Knödelblues und ein paar Songs alleine mit Akustikgitarre. Dann wieder mit Band: „Fly Like An Eagle“, „Rock’n Me“, „The Joker“. Ganz nett und ordentlich. Zu ordentlich vielleicht. Man könnte sich langweilen, fehlenden Biss und Ausdruck vermissen. Man könnte sich ärgern. Oder begeistert mitklatschen – wie die wogende Mehrheit im Saal. H. P. Daniels

POP

Koteletthammer mit Matschgitarre:

Grizzly Bear im Astra

Manchmal sollte man auf seine innere Stimme hören. Der Tag war lang und anstrengend, die Aussicht auf ein Konzert im Astra weniger verlockend als die auf ein heißes Bad. Aber hey, immerhin sind es Grizzly Bear, die den Laden restlos ausverkaufen, und deren viertes Album „Shields“ ist eines der schönsten Werke der jüngeren Rockmusik. Also wartet man gern im Trockeneisnebel, bis die vier adrett frisierten New Yorker samt einem Ergänzungsspieler erscheinen.

Geht auch gleich mit einem Lieblingslied los: „Speak in Rounds“. Super, denkt man, aber so richtig drin sind sie noch nicht. Die Trommeln von Christopher Bear zu bollerig, Chris Taylors Bass plonkt unmotiviert, Daniel Rossen schrammelt fahrig und liegt gesanglich neben der Spur. Na gut, kann ja noch werden. Jetzt „Sleeping Ute“, der Hit von „Shields“. Äh, ist es das wirklich? Die delikate Akkordprogression zerbröselt Rossen zwischen den Fingern, das Schlagzeug klingt wie mit dem Koteletthammer gespielt. Wenigstens trifft Ed Droste den richtigen Ton beim Singen. Ohnehin retten die schönen Gesangssätze einiges, aber längst nicht alles: die Surfgitarre bei „Yet Again“ – vermatscht. Der satt rollende Groove von „A Simple Answer“ – rumpelt. Ach, es ist ein Jammer, da helfen auch die von der letzten Tour bekannten hübschen Lampen nicht. Erklärungsversuch: Es ist Halloween, und vielleicht sind das ja vier von der Straße gecastete Typen mit Grizzly-Bear-Masken. Nicht? Dann eben so: Enttäuschung des Jahres. Jörg Wunder

KLASSIK

Kernkompetenz mit Plätscherlaune:

Paavo Järvi und das DSO

Paavo Järvi verschwendet keine unnötige Energie an Verbeugungen. Sein Körper spricht die Sprache eines auf Effizienz bedachten Chefs vieler unterschiedlicher Orchester. Ob in Paris, Bremen, Frankfurt oder Cincinnati: Järvi bietet überall energetisch optimal aufbereitete Klassikkost und nutzt den Elan der Truppe gerne für Repertoireexpansionen. Zu seinem Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie hat er Carl Nielsen mitgebracht, dessen sinfonisches Werk er gerade in Frankfurt aufzeichnet. In die 1894 uraufgeführte Erste des Dänen investiert Järvi sein elementares Verständnis für bewegte Formen. Und ein Strömen setzt ein, das nie lieblich dahin plätschert. An der durchweg verhaltenen Farbigkeit merkt man allerdings, dass Järvi mehr Zeit auf eine individuelle Klangfindung mit den flexiblen DSO-Musikern hätte verwenden können. Bei Bruchs 1. Violinkonzert erledigt Janine Jansen diese Arbeit – und sie tut es so bezwingend, dass das strapazierte Stück nicht eine abgegriffene Stelle aufweist. Jansen beizt die Oberflächenversiegelung ab, mit Hingabe für das darunter verborgene Leben und seinen leicht rauen Tonfall. Mit Hindemiths Symphonischen Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber entscheidet sich Järvi dann für einen brillanten Schlussstein. Die Außenkanten dirigiert er kunstvoll geschliffen, die Fassung formt er wohldimensioniert und belastbar. Doch glänzen will das Ganze trotzdem nicht recht. Ulrich Amling

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