KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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POP

Schillernde Glücksbringer:

Hot Chip in der Columbiahalle

„Love“ steht in schlichten, schwarzen Großbuchstaben auf dem weißen T-Shirt der Schlagzeugerin Sarah Jones. Weil sie auf einem kleinen Podest sitzt, wirkt das Wort wie eine Überschrift – und die passt perfekt. Denn nur um die Liebe, vor allem die Liebe zur Musik geht es beim Auftritt von Hot Chip in der Berliner Columbiahalle. Die Band aus London zelebriert diese Liebe auf eine derart beglückende und unkitschige Weise, dass man für rund hundert Minuten alle Übel dieser Welt vergisst. Schon das zweite Stück „And I Was A Boy From School“, das Jones mit mächtigem Snare-Punch nach vorne peitscht, setzt erste Endorphin-Schübe frei.

Zielsicher hat das durch zwei zusätzliche Musiker verstärkte Quintett die stärksten Songs seiner letzten vier Alben ausgewählt, wobei auffällt, wie gut die Stücke vom unterschätzten aktuellen Werk „In Our Heads“ funktionieren. Meist lassen Hot Chip die Songs direkt ineinander übergehen, was den Effekt eines toll gemischten DJ-Sets hat – nach und nach tanzt die ganze Halle. Dass es kaum Ansagen gibt und überhaupt keine Showelemente, stört gar nicht. Alles dreht sich nur um den schillernd schönen Sound, den die Gruppe mit einer unglaublichen Präzision herausarbeitet. Sie gleitet mühelos von House zu Elektropop und streut gelegentlich eine ihrer grandiosen R’n’B-Nummern ein. In „Look At Where We Are“ strahlt Alexis Taylors zerbrechliche Stimme besonders hell. Und wenn später wieder Joe Goddards Bariton dazukommt, die Steel Drum plingelt und die Synthies pumpen, wird unausweichlich klar: Diese Band muss man einfach lieben. Nadine Lange

KLASSIK

Unberechenbare Joker:

Ivan Fischer bei den Philharmonikern

Zunächst ein zarter Erinnerungsklang, nahe dem Verstummen: Die Philharmoniker würdigen den verstorbenen Hans Werner Henze mit seinem Epitaph für Violoncello solo. Danach fällt es schwer, so richtig in Stimmung für ausgelassenes Spieltischtreiben zu kommen. Ivan Fischer am Pult dämpft den sportlichen Aspekt von Strawinskys „Jeu de cartes“ zugunsten einer Suche nach dem verlorenen Humor. Und man ertappt sich bei der Sehnsucht, diese für Balanchine geschaffene Ballettmusik um den unberechenbaren Joker schärfer, konfrontativer angegangen hören zu wollen.

Fischers Weg der allmählichen Verfeinerung führt an diesem Abend nicht immer direkt zum Herzen der Philharmoniker, die sich zu Recht für bereits einigermaßen fein halten. Das erzeugt kaum merkliche Verwerfungen, die sich steigern, wenn die dazutretende Solistin zusätzlich Sinnlichkeit aus dem Spiel nimmt. Lisa Batiashvili widmet sich den Lyrismen in Prokofjews 1. Violinkonzert denkbar zurückgenommen, so dass das Orchester irgendwann zum rechts Überholen ansetzt. In Dvoraks 8. Symphonie endlich lässt Fischer mehr Wucht zu, doch endet jeder Aufschwung in seiner alsbald einsetzenden leicht zweifelnden Beobachtung (noch einmal am heutigen Samstag, 20 Uhr). Ein melancholischer Nachhall der Ekstase, wie ihn Harnoncourt in Dvoraks Musik zu fassen weiß, wird daraus diesmal nicht. Ulrich Amling

THEATER

Mörderische Experimente:

„Die Firma dankt“ bei den Vaganten

Krusenstern, leitender Angestellter einer Firma, der er seit 20 Jahren treue Dienste leistet, ist nicht eingeweiht. Wer hat ihn wozu in eine ländliche Idylle mit erbarmungslos zwitschernden Vögeln eingeladen? Er steht vor einem Haus, wohl dem Feriendomizil seiner Arbeitgeber, aber wozu? Ein Spiel beginnt: „Die Firma dankt“ (wieder 5. / 7.11). Lutz Hübner hat es erdacht und macht Krusenstern zum lebenden Einsatz in einem mörderischen Experiment. Wie kann man Charaktere auslöschen, Lebensläufe beliebig umbiegen? Um Antworten zu finden, braucht man den vorbildlichen Angestellten, der seinen Arbeitsplatz sichern will und deshalb in alle Fallen tappt. Aber auch die Leiter des großen Versuchs um die Macht stecken in Nöten, unterliegen einer geheimnisvoll höheren Instanz. Hübner geht den ganz gewöhnlichen Verhaltensweisen in einem entfesselten Kapitalismus nach, gnadenlos böse und auch heiter.

Bettina Rehm lockt auf der Vaganten Bühne diesen hintergründigen Spaß heraus. Sie scheut keine Übertreibung, richtet die Figuren zu bis zum Albernen, zeigt ihre zwanghafte Sucht, trotz allem Spaß haben zu wollen. In einem trumpfenden Kleinbürger-Bunt bestimmen riesige formbare Kissen den Raum, die zurechtgeklopft, zum Sitz, zum Sofa, zum Stuhl werden können – dem in diesen Umformungen ungeübten Krusenstern bereiten sie körperliche Qualen. Jörg Zuch zeigt den Zwiespalt dieses merkwürdigen Helden, holt sein Ringen um Würde heraus und macht seine Angst erlebbar. Die Heterogenität der übrigen Figuren, von clownesker Überdrehtheit (Johann Fohl) über erotische Genäschigkeit (Alex Anasuya) bis zum mörderischen Ernst (Manolo Palma, Sanne Schnapp) wird von den Darstellern trennscharf erfasst. Das Stück hätte mit mehr Wut dargeboten werden können, aber auch der verführerisch vieldeutige Spaß überzeugt. Christoph Funke

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