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KLASSIK

Unbezahlbar lässig:

Jan Lisiecki im Konzerthaus

Mit beinahe staatsmännischer Geste wendet sich der 17-jährige Jan Lisiecki an sein Publikum: Es sei „eine Freude und ein Privileg“ gewesen, im Konzerthaus zu spielen. Eben hat Lisiecki Mozarts berühmtes Klavierkonzert KV 467 dargeboten, mit dem RSO Stuttgart unter Stéphane Denève, das ein schönes erstes Thema formt und selbst im Klassiksampler-affinen zweiten Satz nicht dem Kitsch anheimfällt. Nun spielt Lisiecki als Zugabe ein Bach-Präludium, freundlich perlend, sehr geheimnislos. Den Mädchen und Jungen im Publikum wird es gefallen, wie überhaupt Lisiecki das Versprechen einlöst, eine Art Justin Bieber der Klassik zu sein. Einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon hat er längst in der Tasche. Lisiecki bietet sehr gute Klavierware mit dem unbezahlbaren Extra, ein lässiger junger Mann zu sein.

Das RSO Stuttgart unterdessen hat ebenfalls einen starken Auftritt. Weniger bei Ravels „Tombeau de Couperin“, das eher vor sich hin dümpelt, aber doch mit den beiden anderen, groß besetzten und groß auffahrenden Werken, Strauss’ symphonischer Dichtung „Tod und Verklärung“ mit ihren fabelhaft einreißenden Bassflächen und Ravels zweiter „Daphnis und Chloë“-Suite. Als wäre das noch nicht genug an Orchestervolumen, spielen die Stuttgarter Bizets mächtige „Farandole“ als Zugabe, das laut tönende „Hier sind wir“ eines Ensembles, das eben in die Fusionierung mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg gedrängt worden ist. Christiane Tewinkel

TANZ

Rätselhafte Magneten:

Diego Gil im Uferstudio 14

Die Tanzperformances von Diego Gil sind meist von philosophischen Fragestellungen beeinflusst. Insofern überrascht es etwas, dass Gil und Irina Müller im Uferstudio 14 in silbernen und goldenen Leggings über einen Laufsteg schreiten. Ist schon wieder Berlin Fashion Week? In „Abstract attraction“ (noch einmal am 4.11., 19 Uhr) soll es um die Anziehungskräfte zwischen zwei Körpern gehen, doch leider ist davon wenig zu spüren. Eine simple Mann-Frau- Geschichte wollte der Argentinier wohl eh nicht erzählen. Also sieht man die beiden Tänzer zu den dezent elektronischen Klängen von Tian Rotteveel hin- und herlaufen, auf- und abwogen. Es wirkt, als ob sie von einem Kraftfeld angezogen und zurückgestoßen werden. Nachdem sie ausdauernd aneinander vorbeigelaufen sind, stellt sich nicht plötzlich ein Magnetismus zwischen den Körpern ein, auch wenn die Performance dies behauptet.

Nach 45 Minuten (die letzten zehn davon im Dunkeln) ist der Spuk vorbei. Wer heute eine Tanzperformance der freien Szene besucht, etwa in der Tanzfabrik, kann sicher sein, dass keine längere Aufmerksamkeitsspanne vorausgesetzt wird. 45 Minuten – im Kindertheater ist das die Dauer, die den Kleinsten zugemutet wird. Bei der Rückfahrt hat man dann genügend Zeit zum Nachdenken. Und fragt sich unweigerlich: Wie attraktiv ist sie eigentlich, die Tanzstadt Berlin? Sandra Luzina

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