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KLASSIK

Mal ehrlich: Marie-Elisabeth Hecker

und das RSB in der Philharmonie

Marie-Elisabeth Hecker hat wirklich Nerven. Immer wieder wird die junge Cellistin vom Publikum in der Philharmonie aufs Podium gerufen und gibt keine Zugabe. Sie wird überhaupt keine Zugabe geben, denn sie ist gekommen, um mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Marek Janowski Hindemiths Cellokonzert aufzuführen (Rundfunkübertragung: Deutschlandradio Kultur, 9.11., 20.03 Uhr) und es würde nicht ihrem Naturell entsprechen, das eher spröde Werk mit einem gefälligen Douceur abzurunden. Die hoch gehandelte Cellistin entspricht damit ganz Janowskis Motto „Das Wesentliche ist die Musik“.

Es gäbe viele Möglichkeiten, Hindemiths Konzert aufzupeppen, die Unruhe der zwanziger Jahre laut zu beschwören, das Provokative zu betonen, die Rhythmik hochzujazzen und die Kantilenen im Kontrast betont süffig zu gestalten. Stattdessen präsentiert Hecker eine Interpretation, bei welcher der Respekt vor Hindemiths Handwerksethos sowie die Freude über die bis in die höchste Daumenlage perfekte Intonation und den über alle Saiten ausgeglichenen Klang ihres Instruments fast stärker berührt als ihr differenzierter, in den Kadenzen geradezu kammermusikalisch feiner, nicht sehr extrovertierter Ausdruck.

So stimmig der Ansatz auch sein mag – dass es zu einer gelungenen Dreiecksbeziehung zwischen Werk, Interpreten und Publikum kommt, dafür sorgt erst Anton Dvoraks 8. Symphonie, deren verschwenderischer Ideenfülle sich das Orchester mit Lust hingibt. Wobei Janowski das große Kunststück gelingt, diese Energie umsichtig zu kanalisieren, ohne jedoch die Spielfreude der Musiker zu ersticken. Carsten Niemann

KUNST

Verbandelt euch:

die Gruppenausstellung „Chains“

Immer wieder toll, was Berlin an Hinterhofgeheimnissen zu bieten hat. Zum Beispiel in Friedrichshain in der Boxhagener Straße 93. Da geht es durchs Herbstlaub zu einem alten zweistöckigen Pferdestall aus den 1890er Jahren, ausgestattet mit Futtertrögen an den Wänden und geschmiedeten Ringen, an denen die Tiere angebunden werden konnten. Eben diese Halterungen haben die Berliner Künstler Dani Jakob, Gabriel Vormstein, Sebastian Hammwöhner zu einer kollektiven Ausstellungsidee angeregt. Schon öfter haben die drei im Kollektiv gearbeitet, etwa auf der Berlin Biennale 2006. Diesmal baten sie gut 50 Kollegen, eine Kette für den Raum beizusteuern, den sie „Horse“ genannt haben. Zusammengeknotet ergeben die Werke eine Zaumzeug-Girlande, mit Materialspielereien wie von Björn Saul, der dünne, wachswarme Kerzen zu Kettengliedern verbogen hat, oder von Gregor Hildebrandt, der Tonbänder verflochten hat. Andere fädeln Äpfel auf oder schalten Kopfhörer mit Musik dazwischen.

Nun kann man sich für eine auf die Historie des Ortes eingehende Gruppenschau spannendere Motive vorstellen als eine Kette. Aber ein spielerischer Reigen bekannter Künstler ist die Ausstellung „Chains“ dennoch, unter anderem mit Alicija Kwade, Jonathan Monk, Vera von Lehndorff und Anselm Reyle. Zehn Tage haben die Besucher Zeit, deren Werke im Pferdestall zu entdecken (bis 14.11., nach telefon. Vereinbarung: 0178/298 49 87 oder 0163/253 39 78). Anna Pataczek

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