KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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ROCK

Schöner Schmerz:

Bon Iver in der Arena

Gewebefetzen hängen von der Hallendecke herab, von Lasern bestrahlt. Mal symbolisieren sie eine Eislandschaft, mal unruhiges Gewässer, Arterien, einen Wolkenbruch, Vulkanisches. Gewaltige Stimmen erheben sich in höchste Höhen. „Someday my pain / will mark you“, singt Justin Vernon, kurz bevor er die 5500 Zuhörer in der Arena einigermaßen überwältigt zurücklässt. Ihr Debüt „For Emma, forever ago“ konnten Bon Iver vor einigen Jahren noch nicht überzeugend auf die Bühne bringen. Diesmal schafft es die Band aus Wisconsin, die live auf neun Musiker angewachsen ist. Bon Iver tragen dick auf, ihr opulenter Sound lässt selbst die ruhigsten Songs kräftig klingen. Zwei Schlagzeuge, vier Gitarren, drei Bläser – und Stimmen. Nicht nur die prägnante Kopfstimme von Sänger Vernon, auch die großartigen Backgroundchöre dringen bis in den letzten Winkel vor. Zu den Höhepunkten des 90-minütigen Sets gehören „Skinny Love“, nur mit minimaler Percussion vorgetragen, „Creature Fear“ und „re: Stacks“. Dabei übernimmt die Vorband The Staves – drei junge Engländerinnen im Folkrausch – mit den Stimmen eines ganzen Kirchenchors die Begleitung. Einen Kratzer bekommt der Abend, als Bon Iver das die Kitschgrenze überschreitende „Beth/Rest“ vom neuen Album spielen. Ausuferndes Gitarrengegniedel, Carlos Santana hätte es gefallen. Dennoch: große Band, großer Abend. Jens Uthoff

JAZZ

Heiliger Lärm:

Peter Brötzmann im HAU

Nach dem Auftritt von Peter Brötzmann und seinem Chicago Tentet im HAU bietet sich ein seltenes Bild: Riesenandrang nicht vor der Damen-, sondern vor der Herrentoilette – beim Freejazz sind die Männer nun mal eher unter sich. Warum das so ist, dazu gibt es verschiedene Theorien, denen zufolge das ständige Gegeneinander-Musizieren etwas habituell Mackerhaftes ausstrahlt. Ist natürlich Unsinn. Bei Brötzmann und seiner AllstarBand ist nicht zu befürchten, hier würden sich ein paar Herren im besten Alter gegenseitig an die Wand spielen. Ken Vandermark, Mats Gustafsson, Joe McPhee und all die anderen, die das Free-Jazz-Urgestein Peter Brötzmann um sich versammelt, müssen nichts mehr beweisen.

Brötzmann selbst steht mit seinen 70 Jahren eh über den Dingen. Er ist das Zentrum, um den das Tentet seine Kollektivimprovisationen aufbaut, mit so beeindruckener Lässigkeit und kraftvoller Vehemenz, dass der Meister eher zurückhaltend seine Attacken auf dem Altsaxofon, ein herrliches Gequietsche und Geröhre, in den Ring wirft. Zwei Schlagzeuge, teilweise zwei Baritonsaxofone, zwei Posaunen, Kontrabass, Cello, Piccolotrompete und Brötzmanns Altsaxofon erzeugen einen heiligen Lärm. Dass bei all der puren Energie, die hier freigesetzt wird, noch Platz ist für Joe McPhees subtilen Blues auf der Trompete, ist das Erstaunlichste an diesem Abend. Andreas Hartmann

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