KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Bürger als Bestien. Martin Lindow, Peter Kremer und Roberto Guerra. Foto: Davids
Bürger als Bestien. Martin Lindow, Peter Kremer und Roberto Guerra. Foto: DavidsFoto: DAVIDS/Dominique Ecken

KLASSIK

Feinfühlig: Martin Helmchen

im Kammermusiksaal

Sein Anzug scheint mindestens eine Nummer zu groß, die Stücke aber, die Martin Helmchen am Dienstag im Kammermusiksaal spielt, wirken wie maßgeschneidert. Natürlich haben weder Bach noch Weber oder Schubert und Brahms für den 30-jährigen Berliner Pianisten komponiert – doch Helmchen verwandelt sich ihre Werke feinfühlig an, macht sie mit Sensibilität zu seiner Sache. Größte Plastizität und maximale Farbigkeit des Klangs sind seine Maximen, in Johann Sebastian Bachs Partita G-Dur verschleiert er nicht, dass ein moderner Steinway auf der Bühne steht – doch wie er jeden Satz aus einem individuellen, tänzerischen Gestus entwickelt, ist nicht nur historisch informiert, sondern wirklich galant. Bewundernswert die Differenziertheit in Anton Weberns Variationen: Ganz organisch, wie Herzgewächse, wuchern die Zwölftonreihen unter seinen Fingern hervor. Mit größtmöglicher Schlichtheit lässt Helmchen die berühmte Melodie aus Schuberts As-Dur-Impromptu singen, das virtuose f-Moll-Schwesternwerk wird zum duftig-kecken Elfentanz.

Seine enorme Fingerfertigkeit ist Martin Helmchen niemals Anlass zum Angeben, sondern nur Mittel zum Zweck, auch in Brahms’ dritter Klaviersonate. Die verschattete Romantik, der Einfluss Schumanns, interessieren ihn hier mehr als das aggressive Akkordgedonner. Genuin rhapsodisch erscheint das Riesenwerk, quasi una fantasia, dabei beredt, ohne Längen. Viel Jubel und zwei Zugaben. Die zweite, Franz Liszts „Am Rande einer Quelle“, zeigt noch einmal Martin Helmchens Anschlagskunst in Vollendung: fließend und kristallklar. Frederik Hanssen

THEATER

Alles über Adolf: „Der Vorname“

im Renaissance-Theater

Vom büchersatten Bildungsbürger-Ambiente, dem arabischen Büffet und dem erlesenen 85er Cheval-Blanc sollte man sich nicht blenden lassen. In diesem Haus wird kein gepflegtes Abendessen stattfinden, sondern ein gnadenloses Scharmützel. Der Salon war dem französischen Theater schon immer der liebste Kriegsschauplatz. Wer die Rosshaar-Fußmatte des Ehepaars Pierre Garaud und Elisabeth Garaud-Larchet überquert – er Literaturprofessor, sie Französischlehrerin –, der kann mit Dante alle Hoffnung fahren lassen. Das Boudoir wird Bestiarium, kaum dass Karotten mit Kreuzkümmel und Auberginenkaviar aufgetischt sind.

Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière begeben sich mit ihrer Komödie „Der Vorname“ auf jenes Terrain brüchiger Zivilisation, das in Frankreich unangefochten von Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“) beherrscht wird. Den beiden ist damit 2010 ein Hit geglückt, seitdem läuft das Stück in der halben Welt, auch verfilmt haben sie es bereits. Erst Anfang November fand die deutschsprachige Erstaufführung in Hamburg statt, nun legt das Renaissance-Theater nach (wieder 8. - 11. und 16. - 25. November). Antoine Uitdehaag bereitet in Berlin zusammen mit Ausstatter Momme Röhrbein die Arena für den Clash der Kultivierten.

Hausherrin Elisabeth (Anika Mauer) und ihr Mann Pierre (Martin Lindow) erwarten den Jugendfreund Claude (Roberto Guerra) sowie Elisabeths Bruder Vincent (Peter Kremer) und dessen schwangere Lebensgefährtin Anna (Nadine Schori) zum Dinner. Dass die Stimmung von Herzlichkeit in Aggression kippt, ist dem notorischen Agent Provokateur Vincent zuzurechnen, der gut gelaunt verkündet, seinen Sohn Adolphe nennen zu wollen – was besonders den linksliberalen Pierre zu hochfahrenden antifaschistischen Grundsatzreden reizt. Er selbst wiederum hat seine Sprösslinge Adonas und Athena getauft. Da prallen Welten aufeinander.

Die strittige Namenswahl ist aber nur die kurze Zündschnur für die Explosion des lange Verdrängten. Claudes Schwulsein, Elisabeths Hausfrauen-Unglück, Pierres Paschagebaren und alle sonstigen Lügen und Geheimnisse der Familie kommen jetzt aufs Tapet. Regisseur Uitdehaag gibt dem Affen Zucker und lässt sein Ensemble auf Pointe komm raus chargieren. Was freilich im Stück schon angelegt ist, das mehr Karikaturen als Charaktere bietet, Wortgefechte mit dem Holzhammer statt dem Florett führt und Milieu eher ausstellt als demaskiert. Ein großer Lacherfolg wird „Der Vorname“ trotzdem. Das Stolpern der Bourgeoisie sieht man einfach zu gern. Patrick Wildermann

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