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Diva in Westwood-Robe. Joyce DiDonato. Foto: Virgin Classics / Josef Fischnaller
Diva in Westwood-Robe. Joyce DiDonato. Foto: Virgin Classics / Josef Fischnaller

COMEDY

Drag Queens: Jutta Hartmann und das BVG-Orchester im Admiralspalast

Na, so geht’s ja nicht: Jutta Hartmann und ihre Alt-Teufelsberger Tuntentruppe treten im Studio des Admiralspalastes auf – und an der Bar wird nicht mal Futschi ausgeschenkt. Mitte versagt noch, wo Neukölln von alters her brilliert: bei Cola mit Weinbrand. Das alsbald traut gemeinsam singende und schunkelnde Publikum aus Schwulen und silberhaarigen Sympathisanten des BVG-Orchesters ist trotzdem freudig erregt. Bob Schneider alias Jutta Hartmann und Gaststars Ades Zabel und Gert Thumser musizieren erstmals mit dem ehrwürdigsten Betriebsorchester der Stadt – das ist Abenteuer, das ist Glamour! Entsprechend fulminant fällt der Opener aus: die mehr als 40 fellinesken Damen und Herren in stahlblauen Uniformen intonieren eine verpoppte Brass- Version von „Also sprach Zarathustra“.

Kein Zweifel, der verschmitzte Musikdirekor Günter Krause und sein sowohl im Kammermusiksaal wie auch bei der jährlichen „Gay Night at the Zoo“ gestählter Klangkörper wissen, was sie tun. Das ist mehr, als man von den männlichen Sängerinnen behaupten kann. Zwar ist Gastgeberin Jutta Hartmann für eine Neuköllner Kneipenwirtin sehr gut bei Stimme und hält wacker mit dem Orchester mit. Doch Szenegröße Zabel macht nur als Playbacknummer „Hürriyet aus Moabit“ Spaß. Schöner Nebenbei-Unterhaltungsfaktor sind dafür die Mienen der den Transentrash amüsiert bis irritiert musternden Musiker. Ihre Bigband- Medleys von Berliner Liedern bis „West Side Story“ liefern sie ungerührt mit professionellem Wumms ab. Als musikalische Punktsieger, nicht als Staffage für ein ironisches Experiment. Gunda Bartels

KLASSIK

Drama Queens: Joyce DiDonato

im Konzerthaus

Das Drama hat es schwer. Es verschwindet mehr und mehr aus unserem betriebsamen Leben, das keinen Kraftverlust durch Echauffieren duldet. Wie befreiend, dass Barockmusik das Außersichsein vor Zorn und Verzweiflung als den Moment leuchten lässt, in dem die Leidenden ganz bei sich selbst, ganz Mensch sind – und die grausame Welt für eine Da-capo-Arie still steht. Joyce DiDonato gewährt bei ihrem Auftritt im Konzerthaus atemberaubende Einblicke in die Macht der Ohnmächtigen. Ihre „Drama Queens“ sind stolz geboren und raumgreifend wie die spitzigen Kleider, die Vivienne Westwood für die Mezzosopranistin aus Kansas schneidert. Bis eine untreue Liebe sie niederwirft, und das bedrängte Herz zwischen nobler Todesverachtung und wütendem Kampfeswillen beinahe birst.

DiDonato schlägt aus diesem Spannungsfeld souverän Funken, findet immer neue Wege hinein in die royalen Lamenti aus der Feder von Komponisten wie Cesti, Orlandini, Monteverdi und natürlich Händel. Dabei wird sie traumwandlerisch begleitet vom italienischen Originalklangensemble Il complesso barocco, dessen Lautenspieler als mimisch-musikalischer Spiegel der Diva glänzt. DiDonato wringt die Noten, bis sie gänzlich überlebensnotwendig werden. Ihre blonde Mähne trägt sie dabei zu ehrfurchtgebietenden Wellen aufs Haupt getürmt, während Westwoods blutrote Rockzipfel tanzen wie Teufelsfratzen. Sie gibt sich – Ah, si! – ganz und gar erotischen Stürmen hin, vor denen kein Hafen schützt. Diese Unbedingtheit, diese stimmliche Kontrolle. Was für ein Drama!Ulrich Amling

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